Die Uhren ticken Sommerzeit.
Der Frühling schießt aus allen Knospen.
Doch mich kann er nicht treffen, denn
mir hat der Winter zu seinem Abschied
eine hippe Grippe mit Infekt vermacht:
Der Virus tanzt auf der Bazille Pirouetten,
ich hab hier mein ganz eig’nes Mandelblütenfest.
Und so üb ich mich im positiven Denken:
Der Frühling kann mir nichts, ich bin ja ganz immun,
gut geschützt sitz ich hier unter meiner Käseglocke,
ohne Käse zwar, dafür mit Erkältungstee,
Milch mit Honig, Wärmekissen und Vitamin C.
Lasst uns schniefen, lasst uns husten,
bis die Bronchien krachen: Es ist Sommerzeit!
Den Frühlingsanfang hab ich jetzt verschlafen,
mein Urlaub ist gelaufen, doch Winters Ende
lasst uns feiern, wie es ihm gebührt:
Hatschi!
Leben, Überleben
Von der Sehnsucht
Wer alles satt hat,
dürfte weit davon entfernt sein,
satt zu sein.
Und wer einen über den Durst trinkt
hat vermutlich noch lange nicht
seinen Durst gestillt.
Spukgeschichten
endlich habe ich
alle guten Geister
verlassen, endlich
sehen sie mich,
die Gespenster,
die Geister, die mich
gerufen haben,
endlich malt
mich der Teufel
an die Wand
Schlechte Zeiten für Taijiquan
Kein Einklang mit dem Kosmos heute:
Mein Tiger verfehlt die Beute,
dem Kranich sind die Flügel lahm.
Mein goldener Hahn braucht ein drittes Bein.
Der Pfau entwischt mir,
wenn ich ihn am Schwanz packen will.
Und das Pferd duldet nicht,
dass ich seine Mähne streiche.
Selbst der Berg lässt sich nicht nach vorne schieben.
Mein Geist bleibt zu. Wo ist nur meine Energie?
Winter-Haiku
Februarsonne
blinzelt durchs nackte Geäst:
eiswintermondbleich.
Wie schmeckt das Leben?
Süß, sagt der Verliebte.
Bitter, sagt der Enttäuschte.
Sauer, sagt der Vergrämte.
Scharf, sagt der Mutige.
Herb, sagt der Nüchterne.
Nach Leben, würde ich sagen.
Nach Leben eben:
mal süß, mal sauer,
mal bitter, mal herb,
und ab und zu auch scharf.
Heile Welt
Pack mich in Watte. Lull mich ein.
Wiege mich in Sicherheit.
Schirm mich ab von allem Bösen.
Streu mir Sand in die Augen.
Besser noch: Steck meinen Kopf in den Sand.
Schließ mich ein in mein Wolkenkuckucksheim.
Verschanz mich in meinem Elfenbeinturm.
Lock mich hinter den Ofen. Halte mich schön warm.
Bette mich auf Wolken. Deck mich zu
mit Märchen aus einer besseren Welt.
Gaukle mir ein Stück heile Welt vor.
Lüg mir in die Tasche. Und schenk
mir unreinen Wein ein.
Wunsch
Manchmal möchte ich einfach nur
unbehelligt bleiben.
Dafür nehme ich gern
etwas Dunkelheit in Kauf.
Meine Wunden trag ich offen
Meine Wunden
trag ich offen,
eure Finger
fürcht ich nun nicht mehr.
Die alten Ängste
hab ich abgelegt,
nie mehr werd ich
mir eure Augen überziehen.
Ein leichtes Fieber
streif ich mir über,
bevor ich zu euch geh.
Wohl fühl ich mich
in meiner neuen dünnen Haut.
Zumutung
In Zeiten,
in denen ich für Dich
eine Zumutung bin,
riskiere ich Deinen Unmut,
vermute ich,
obgleich ich
dringend jemanden bräuchte,
der mir mit seinem Mut
wieder Mut macht.
Leere
Kein Wort singt in mir.
Kein Wort klingt in mir.
Kein Wort schwingt in mir.
Kein Wort kann Wurzeln schlagen
in meiner Seele.
Grundlos traurig bin ich.
Wortlos blicke ich in
bodenlose Leere.
Von meiner Seele löst sich ein
lautloser Schrei.
Überleben V
Noch immer arbeitet Primo Levis “Die Untergegangenen und die Geretteten” in mir – und der Bezug zu heute.
Das Meer heute dürfte
einer ähnlichen Logik folgen
wie damals die Lager:
Wer das Meer überlebt,
hat seinen Grund nicht berührt.
Die Logik des Meeres dürfte
ähnlich unerbittlich sein:
Wer das Meer überlebt,
ist nicht untergegangen –
aber ist er gerettet?