Spätsommermorgen:
Sattes Gelb und klare Luft
künden den Frühherbst.
Leben, Überleben
Versuch: Lyrische Landschaft
Auf der documenta 14 ist mir – neben einer Vorliebe für Topographien – der Trend aufgefallen, Bilder aus mehreren Einzelbildern wie ein Mosaik zusammenzusetzen. Das wollte ich jetzt mal ins Lyrische übersetzen: kleine Gedichte, die zusammen ein Gedicht ergeben. Und hier ist mein erster Versuch dazu.
| das leben zeichnet geheime zeichen unter meine haut |
mir neue wege in bewegung singen werd ich für mich |
alte landschaften in auge und ohr schreiben worte |
Sommers in Umbrien
Sommerhitze bettet sich aufs weiche Hügelland,
senkt ihren schweren Schlaf auf traubensatte Reben
im silbergrünen Schimmer der Olivenbäume.
Die gelben Feigen träumen still vom Reifen.
Sogar die Wespen hängen träge vom Gebälk,
und auf den alten Mauern ruhen die Eidechsen,
sonst flink, in ihrem mittäglichen Sonnenbad.
Müd fällt mein Blick auf die Zypresse: wie sie
– einsam – unbewegt da steht und wacht.
Wer hat Angst vor dem schwarzen Mann?
Ist schwarz seine Haut,
hab keine Angst.
Ist schwarz die Kapuz’,
kannst ruhig sein.
Ist aber schwarz die Uniform,
dann nimm dich in Acht.
Und ist schwarz seine Seele,
dann musst du dich wehrn.
Sommer-Haiku
Laue, blaue Nacht
auf den Augen meiner Haut:
ein Sommernachtstraum.
Kleine Relativitätstheorie des Alterns
Sarkastisches Liedlein auf den körperlichen Verfall
Das Haar dünner,
dafür dicker der Bauch.
Die Füße platter,
dafür runder die Hüften.
Der Rücken krummer,
dafür gerader die Gelenke.
Die Blase schwächer,
dafür stärker die Adern.
Die Lippen schmäler,
dafür breiter das Gesäß.
Die Muskeln härter,
dafür weicher das Bindegewebe.
Die Haut rauer,
dafür glatter der Hinterkopf.
Die Falten mehr,
dafür weniger Zähne.
Der Geist leerer,
dafür voller der Darm.
Die Brust enger,
dafür weiter die Kleider.
Der Atem schwerer,
dafür leichter die Kost.
Die Augen müder,
dafür wacher der Schmerz.
Die Lust kleiner,
dafür größer das Leid.
überlebt
solange
niemand
das Leben,
solange
hat auch
der Tod
sich nicht
überlebt
Blatt im Wind
Vielleicht ist doch
das Blatt im Wind
vernünftiger als ich:
Es vertraut der Kraft,
die es trägt.
Auf Leben und Tod
Was bringt
dir das Leben?
Du wirst
dir den Tod
holen.
Du kannst aber auch
dir das Leben
nehmen – und
dem Tod den Rest
geben.
Sozialmathematik
Doppelte Einsamkeit
macht noch keine
Zweisamkeit.
Grüße vom absteigenden Ast
Manchmal
komme ich auf
keinen grünen Zweig.
Dann
lach ich mir
eben einen Ast
ab.
Gesägt
habe ich schon
oft genug.
Wer erklärt mir den Krieg?
eingedenk der Ostermärsche 2017
Wer erklärt mir den Krieg?
Kriegt da jemand
vom Kriegen nicht genug –
und was kriegt der Krieger?
Wer führt Krieg – und wohin?
Und wie sieht jemand aus, den
man mit Krieg überzieht?
Kann man Truppen auch
per Mail entsenden?
Und was bleibt von ihnen übrig,
wenn man sie zusammenzieht?
Bei welcher Lotterie kann ich
einen Krieg gewinnen?
Und wo kann ich ihn wiederfinden,
wenn ich ihn verloren habe?
Was ist eine gelungene
Operation – und wer ist der Arzt,
wer der Patient?
Was genau entscheidet eine Schlacht?
Und wer muss bluten
in den vielen blutigen Schlachten?
Wohin flieht
ein ausgebrochener Krieg?
Und wer nimmt dann
den Kampf auf?
Stehen Gefallene wieder auf und
stehen dann die Waffen still?
Und wer eröffnet dann das Feuer?
Ist beim Friedensschluss
der Friede am Ende?
Wer herrscht, wenn
Friede herrscht?
Und wo kann ich
Frieden stiften?
Wer erklärt mir den Krieg?