eine Frage der Haltung. Bestiarium des Widerstands

Haltung ist in diesen Zeiten angesagt, doch welche?
mach ich den Vogel Strauß
und steck einfach den Kopf in den Sand?
oder nehm ich mir den Igel zum Vorbild
und roll mich zu einer stacheligen Kugel?
oder halt ich es mit dem Stier
und stell mich, hufescharrend, dem Kampf?
oder orientier ich mich am Reh
und ergreif lieber gleich die Flucht?
oder nehm ich mir am Hasen ein Beispiel
und sorg für Verwirrung, indem ich Haken schlag?
oder mach ich es wie das Chamäleon
und wechsel zur Tarnung meine Farbe?
oder verhalt ich mich wie das Opposum
und stell mich einfach tot?
oder richt ich mich nach der Kobra
und verspritz überall mein übelriechendes Gift?
hm, ich kann mich einfach nicht entscheiden …
und dann hätte ich ja auch noch diese Option:
versuchen, Mensch zu bleiben

Oh, wie weit ist dieses Bestiarium entfernt von Lyrifants idyllischem “Sommer-Bestiarium” aus dem letzten Sommer, das ich gerade in diesen Tagen – endlich! – zu einem Büchlein verarbeitet habe.

„Et jibt noch jute Menschen“

Begegnung am S-Bahnhof Adlershof

auf der Wartebank
bietet mir eine Frau neben sich einen Sitzplatz an
und empfiehlt mir den guten Kaffee vom Kiosk
(den sie eben bekommen hat, wie schon so oft),
und sie erzählt mir vom Leben in Adlershof,
in welchem Laden man noch Pizza bekommt für 4,50
(wo auch das kirgisisch-italienische Wirtspaar so nett ist)
und von ihrer kleinen Arbeit in einem Blumenladen,
und sie macht Werbung für das Kiez-Frühstück:
„Et jibt noch jute Menschen, globen Se det“, sagt sie
irgendwann zwischendrin

und ja, ich will es ihr gerne glauben – denn gerade
bin ich so einem guten Menschen begegnet

Preis der Heftklammer

was von einem Leben als akademische Rät(t)in bleibt: ein Haufen Heftklammmern

scheinbar unscheinbar
(mal unauffällig aluminiumgrau
mal bescheiden kupferrot)
nimmt sie in ihren Klammergriff
ein jedes lose Blatt und hindert es
am Fliegen.

sie tackert alles und hält es fest:
ob Dokument ob Geistesblitz
von Anmerkung bis Zeugnis
Ideen Träume Gedankensplitter –
jede noch so kreative Zettelwirtschaft
verwandelt sie in eine Akte fürs Archiv.

biegsam – und am Ende selbst verbogen –
schafft sie Ordnung, wenn nötig, mit Gewalt:
nichts entgeht, nichts entkommt
diesem scharfspitzen Dracula-Biss –
nur was abgeheftet (davon ist sie überzeugt)
hat Bestand.

ihr Credo: „Ordnung ist das halbe Leben“ –
und die andere Hälfte? frage ich
(und kenne schon die Antwort:
„die andere Hälfte ist das Chaos“) –
und – hurra! – diese Hälfte startet
jetzt!