wortgeboren wollte ich sein:
worterkoren, wortverschworen –
meine Worte: schriftgeschoren
und poesievergoren –
doch muss ich gestehen:
ich bin wohl einfach nur
unverfroren wortverloren
Am toten Punkt
wortverlassen
wortverlassen stehe ich nun da: Wörter, die passen (vielleicht auch: Wörter, die nicht passen, die stören) haben sich von mir zurückgezogen (ich hoffe: sie sind nicht für immer fortgezogen) sie halten sich verborgen vor mir (noch hoffe ich auf ein lustiges Versteckspiel, bei dem ich diejenige sein darf, die suchen muss) doch fehlen sie mir täglich mehr
wortverlassen warte ich auf ihre Rückkehr noch halten sie sich fern, bleiben auf Distanz (vielleicht sind sie mir aber auch zu nah, so dass sie mir von der Zunge, aus den Augen gefallen sind) oder aber sie warten nur dort um die Ecke (ich fürchte: doch eher ganz am anderen Ende) auf eine Zeit, auf einen Raum, in die sie passen (oder eben: in die sie passen, weil sie stören), auf ihre Zeit, auf ihren Raum
wortverlassen bleibt mir nichts als mit ihnen auf sie zu warten (und nicht wortverprassen, will ich nicht wortverpassen)
leichte Bewegung
leichtfüßig
probiere ich ein paar Schritte:
leichthin, leichther
leichtein, leichtaus
leichtvor, leichtzurück
und leichtgläubig
nehm ich alles ganz leicht:
leichthin, leichtherzig
leichtbeinig, leichtbauchig
leichtohrig, leichtrückig
ganz leichtsinnig
findet ihr das?
aber da ist der Wunsch
nach leichter Bewegung
und einem leichteren Leben –
leichtlebig eben
Versuch und Irrtum
tief geschnitten habe ich mich
an meinen Gedankensplittern
schief gewickelt liege ich nun
mit jeder Faser im Denkgezettel
woher all diese Scherben auf dem Holzweg?
bin doch nur ein Mensch: splitterfasernakt
Zeitlyrik
wo Sicherheit
nicht einmal mehr Wörter geben können:
wo schlafen dann die Verse, wenn
selbst Reime zum Steilhang werden?
kein Satz taugt zum Geländer:
wir können nur noch
im freien Fall
dichten und
denken
November
an deine nasskalte Nebelschulter
lass mich meine Regentränen betten:
die graue Zeit ist doch stets Heimat mir
und dringt – ganz unverhofft – durchs Grau
zu mir dein goldblätterndes Lächeln:
so wird die lichte Zeit Versprechen
Sternengeburtstag
für Conny
spät nachts im Bett schon denken:
heute wärst Du 60 geworden …
morgens aufwachen und denken:
heute wärst Du 60 geworden …
mittags einer Kollegin erzählen:
heute wärst Du 60 geworden …
nachmittags beim Tee erneut inne werden:
heute wärst Du 60 geworden …
abends beim Essen daran erinnern:
heute wärst Du 60 geworden …
spätabends eine Kerze anzünden für Dich:
heute wärst Du 60 geworden …
… und denken:
Stern, Du – was sind schon 60 Jahre?
heute wirst Du täglich ewig!
retten

In seiner Form ist dieser Text inspiriert von „gedanken zerren“, dem Debüt-Gedichtband von Özlem Özgül Dündar, wobei ich die Form einerseits radikalisiert und andererseits aufgebrochen habe für eine Idee, die in mir gärte und die ich nun glaubte, mit diesem Format am besten umsetzen zu können. Das Potential dieser Form ist einfach klasse, weil diese gebrochene Sprache gleichzeitig so viel Ungesagtes mitschwingen lässt – eine echte Entdeckung!
verkrochen
meine Worte haben sich verkrochen.
was nur hat sie gestochen? sie fürchten:
ihnen würden die Knochen gebrochen,
man wolle sie lochen oder gar kochen.
ungern lassen sie sich unterjochen.
schon gar in Epochen, wo unsere Herzen
so bang, ach bang nur pochen.
es sind nun schon Wochen, wo
ich nicht gesprochen.
meine Worte und ich:
wir haben uns verkrochen.
Morgensterns Schnecke
Danke, liebe Gerda, Deine Erinnerung an Morgensterns Schneckengedicht hat mich wieder ins Dichten gebracht …
lang hat die Schnecke nachgedacht –
und schließlich hat sie es gemacht:
verlassen hat sie nun ihr schützend‘ Haus
und kriecht und kriecht ganz weit hinaus.
leicht fühlt es sich auf ihrem Rücken an;
sie denkt: fängt jetzt das Leben an?
doch andererseits (ich muss es sagen)
beginnt sie bald doch laut zu klagen.
nackt ist sie jetzt – und heimatlos –
und denkt: was hab ich mir gedacht da bloß?
weltfremd
weltfremd sei ich, sagen sie; ach, so fremd
bin ich offenbar der Welt schon geworden –
obwohl es doch gerade die Welt ist, die mir
fremd, ja immer fremder wird
Hohlräume
unverhohlen sei’s gesagt:
wo alles hohl ist, bleibt nur
die Höhle