wortverlassen stehe ich nun da: Wörter, die passen (vielleicht auch: Wörter, die nicht passen, die stören) haben sich von mir zurückgezogen (ich hoffe: sie sind nicht für immer fortgezogen) sie halten sich verborgen vor mir (noch hoffe ich auf ein lustiges Versteckspiel, bei dem ich diejenige sein darf, die suchen muss) doch fehlen sie mir täglich mehr
wortverlassen warte ich auf ihre Rückkehr noch halten sie sich fern, bleiben auf Distanz (vielleicht sind sie mir aber auch zu nah, so dass sie mir von der Zunge, aus den Augen gefallen sind) oder aber sie warten nur dort um die Ecke (ich fürchte: doch eher ganz am anderen Ende) auf eine Zeit, auf einen Raum, in die sie passen (oder eben: in die sie passen, weil sie stören), auf ihre Zeit, auf ihren Raum
wortverlassen bleibt mir nichts als mit ihnen auf sie zu warten (und nicht wortverprassen, will ich nicht wortverpassen)
Gesetz der Scheiße
Lyrifants notdürftige Ausscheidung zur Wahl von Sachsen-Anhalt
wer’s richtig verkackt,
hat’s eben verschissen
doch sollte, wer Mist baut, nicht
noch groß auf die Kacke hauen
eine Frage der Haltung. Bestiarium des Widerstands
Haltung ist in diesen Zeiten angesagt, doch welche?
mach ich den Vogel Strauß
und steck einfach den Kopf in den Sand?
oder nehm ich mir den Igel zum Vorbild
und roll mich zu einer stacheligen Kugel?
oder halt ich es mit dem Stier
und stell mich, hufescharrend, dem Kampf?
oder orientier ich mich am Reh
und ergreif lieber gleich die Flucht?
oder nehm ich mir am Hasen ein Beispiel
und sorg für Verwirrung, indem ich Haken schlag?
oder mach ich es wie das Chamäleon
und wechsel zur Tarnung meine Farbe?
oder verhalt ich mich wie das Opposum
und stell mich einfach tot?
oder richt ich mich nach der Kobra
und verspritz überall mein übelriechendes Gift?
hm, ich kann mich einfach nicht entscheiden …
und dann hätte ich ja auch noch diese Option:
versuchen, Mensch zu bleiben
Oh, wie weit ist dieses Bestiarium entfernt von Lyrifants idyllischem “Sommer-Bestiarium” aus dem letzten Sommer, das ich gerade in diesen Tagen – endlich! – zu einem Büchlein verarbeitet habe.
Mensch, du Mensch
gedankliche Nachlese zum Antikriegstag am 1. September
du kannst fliegen ohne Flügel
du kannst träumen ohne Schlaf
du kannst lachen ohne Grund
aber
du kannst nicht atmen ohne Lunge
du kannst nicht leben ohne Wasser
du kannst nicht sein ohne Frieden
leichte Bewegung
leichtfüßig
probiere ich ein paar Schritte:
leichthin, leichther
leichtein, leichtaus
leichtvor, leichtzurück
und leichtgläubig
nehm ich alles ganz leicht:
leichthin, leichtherzig
leichtbeinig, leichtbauchig
leichtohrig, leichtrückig
ganz leichtsinnig
findet ihr das?
aber da ist der Wunsch
nach leichter Bewegung
und einem leichteren Leben –
leichtlebig eben
Poesie, abstrakt
nur Wort
Wort pur
inspiriert von der großartigen Ausstellung „Wolfgang Hollegha: Denk nicht, schau!“ im Museum Reinhard Ernst in Wiesbaden
schmetterlingwärts
für Diana – ein kleines lyrifantisches Selbstgespräch, inspiriert von „ein schmetterling“
stell es dir vor: leicht
wie ein Schmetterling
von Wort zu Wort
stell es dir nur vor: ganz leicht
(und bist du auch ein Elefant)
wie ein Schmetterling
wie ein Schmetterling, ja!
hast du doch immerhin schon
einen Rüssel!
ach du lieber Himmel!
leermonden und sonnenfinster
in eine kometenstaubige Nacht:
wem kann das schon sternschnuppe sein?
(zur Erinnerung an den 12.8.2026)
„Et jibt noch jute Menschen“
Begegnung am S-Bahnhof Adlershof
auf der Wartebank
bietet mir eine Frau neben sich einen Sitzplatz an
und empfiehlt mir den guten Kaffee vom Kiosk
(den sie eben bekommen hat, wie schon so oft),
und sie erzählt mir vom Leben in Adlershof,
in welchem Laden man noch Pizza bekommt für 4,50
(wo auch das kirgisisch-italienische Wirtspaar so nett ist)
und von ihrer kleinen Arbeit in einem Blumenladen,
und sie macht Werbung für das Kiez-Frühstück:
„Et jibt noch jute Menschen, globen Se det“, sagt sie
irgendwann zwischendrin
und ja, ich will es ihr gerne glauben – denn gerade
bin ich so einem guten Menschen begegnet
Seepoesie

im Sand am Ufer
wellenumspült ein Lied aus
Stockentenspuren
„contraria contrariis“ oder „similia similibus“?
haste ma n’Eis?
wat is’ mir heut’ so heiß!
oder doch lieber n’heißen Tee
jejen die olle Hitze-Fee?
der Wortbildhauer
Hommage an Constantin Brâncuși
stell ihn dir vor: den idealen Wortbildhauer.
sein Material, ganz schlicht: das WORT.
sein hehres Ziel: die Form. das Wesentliche.
er stellt sich vor: er setzt den Meißel an und
haut was weg. auf diese Weise fände er:
den ORT im Wort. doch das genügt ihm nicht.
er setzt den Meißel anders an und haut
noch viel mehr weg und übrig bleibt: ein WO.
das kommt dem näher, was er sucht.
doch ist auch das für ihn noch nicht genug.
weshalb er meißelt, schleift, poliert
sein Wort herunter bis zum O.
jetzt erst ist er froh.