du kannst nicht mehr
so, wie du willst
du sollst nicht mehr
so, wie du magst
du darfst nur noch
so, wie du musst
anfangen
anfangen, wo es anfängt:
anfangen, anzufangen
wie damals bei der Geburt:
Luft holen, laut brüllen
wie morgens beim Aufwachen:
die Augen reiben und weit öffnen
wie immer beim Gehen:
den einen Fuß vor den anderen setzen
und den ersten Schritt machen
Ein Antwortversuch auf wo anfangen? – der erste Vers ist übrigens ein Zitat aus „Unter dem Milchwald“ von Dylan Thomas
wo anfangen?
wo anfangen?
wo anfangen, wenn
gerade alles aufhört?
wo anfangen, damit
aufhört, dass alles aufhört?
wo anfangen, auf dass
es irgendwie weitergeht, neu anfängt?
wo anfangen, damit
aufhören aufhört und anfangen anfängt?
wo anfangen, wenn
niemand weiß, wo anfangen?
wo anfangen?
fragmentum fragile
fragen – möcht ich so vieles
fraglos – ist kaum noch etwas
fraglich – wird mir gerade einiges
fragil – ist mir alles geworden
der Ruck
mein Kiez rückt nach rechts
dieses Land rückt nach rechts
die ganze Welt rückt nach rechts
doch ich bleibe, wo ich bin:
links
wortverloren
wortgeboren wollte ich sein:
worterkoren, wortverschworen –
meine Worte: schriftgeschoren
und poesievergoren –
doch muss ich gestehen:
ich bin wohl einfach nur
unverfroren wortverloren
wortverlassen
wortverlassen stehe ich nun da: Wörter, die passen (vielleicht auch: Wörter, die nicht passen, die stören) haben sich von mir zurückgezogen (ich hoffe: sie sind nicht für immer fortgezogen) sie halten sich verborgen vor mir (noch hoffe ich auf ein lustiges Versteckspiel, bei dem ich diejenige sein darf, die suchen muss) doch fehlen sie mir täglich mehr
wortverlassen warte ich auf ihre Rückkehr noch halten sie sich fern, bleiben auf Distanz (vielleicht sind sie mir aber auch zu nah, so dass sie mir von der Zunge, aus den Augen gefallen sind) oder aber sie warten nur dort um die Ecke (ich fürchte: doch eher ganz am anderen Ende) auf eine Zeit, auf einen Raum, in die sie passen (oder eben: in die sie passen, weil sie stören), auf ihre Zeit, auf ihren Raum
wortverlassen bleibt mir nichts als mit ihnen auf sie zu warten (und nicht wortverprassen, will ich nicht wortverpassen)
Gesetz der Scheiße
Lyrifants notdürftige Ausscheidung zur Wahl von Sachsen-Anhalt
wer’s richtig verkackt,
hat’s eben verschissen
doch sollte, wer Mist baut, nicht
noch groß auf die Kacke hauen
eine Frage der Haltung. Bestiarium des Widerstands
Haltung ist in diesen Zeiten angesagt, doch welche?
mach ich den Vogel Strauß
und steck einfach den Kopf in den Sand?
oder nehm ich mir den Igel zum Vorbild
und roll mich zu einer stacheligen Kugel?
oder halt ich es mit dem Stier
und stell mich, hufescharrend, dem Kampf?
oder orientier ich mich am Reh
und ergreif lieber gleich die Flucht?
oder nehm ich mir am Hasen ein Beispiel
und sorg für Verwirrung, indem ich Haken schlag?
oder mach ich es wie das Chamäleon
und wechsel zur Tarnung meine Farbe?
oder verhalt ich mich wie das Opposum
und stell mich einfach tot?
oder richt ich mich nach der Kobra
und verspritz überall mein übelriechendes Gift?
hm, ich kann mich einfach nicht entscheiden …
und dann hätte ich ja auch noch diese Option:
versuchen, Mensch zu bleiben
Oh, wie weit ist dieses Bestiarium entfernt von Lyrifants idyllischem “Sommer-Bestiarium” aus dem letzten Sommer, das ich gerade in diesen Tagen – endlich! – zu einem Büchlein verarbeitet habe.
Mensch, du Mensch
gedankliche Nachlese zum Antikriegstag am 1. September
du kannst fliegen ohne Flügel
du kannst träumen ohne Schlaf
du kannst lachen ohne Grund
aber
du kannst nicht atmen ohne Lunge
du kannst nicht leben ohne Wasser
du kannst nicht sein ohne Frieden
leichte Bewegung
leichtfüßig
probiere ich ein paar Schritte:
leichthin, leichther
leichtein, leichtaus
leichtvor, leichtzurück
und leichtgläubig
nehm ich alles ganz leicht:
leichthin, leichtherzig
leichtbeinig, leichtbauchig
leichtohrig, leichtrückig
ganz leichtsinnig
findet ihr das?
aber da ist der Wunsch
nach leichter Bewegung
und einem leichteren Leben –
leichtlebig eben
Poesie, abstrakt
nur Wort
Wort pur
inspiriert von der großartigen Ausstellung „Wolfgang Hollegha: Denk nicht, schau!“ im Museum Reinhard Ernst in Wiesbaden