Wer sagen kann:
Ich habe überlebt,
hat der sagen können:
Ich überlebe?
Und damit meinen:
Ich überlebe
Tag für Tag,
Stunde auf Stunde,
von Minute zu Minute?
Und hat der hoffen können:
Ich werde überleben?
Wer sagen kann:
Ich habe überlebt,
hat der sagen können:
Ich überlebe?
Und damit meinen:
Ich überlebe
Tag für Tag,
Stunde auf Stunde,
von Minute zu Minute?
Und hat der hoffen können:
Ich werde überleben?
Unter dem Eindruck des Kapitels “Gemeinplätze” aus dem Buch “Die Untergegangenen und die Geretteten” von Primo Levi.
Fragt nicht: Warum
seid ihr nicht ausgebrochen?
Wer seine ganze Energie
für das Überleben braucht,
hat keine Kraft
für einen Ausbruch.
Fragt nicht: Warum
habt ihr nicht revoltiert?
Wer seine ganze Hoffnung
in das Überleben setzt,
hat kein Vertrauen
in eine Revolte.
Fragt nicht: Warum
seid ihr nicht vorher geflohen?
Wer seinen ganzen Glauben
der Menschlichkeit schenkt,
sieht – um zu überleben – keinen Grund
für eine Flucht.
Fragt lieber: Warum?
Ihre Augen lassen mich nicht los: “Gegen das Vergessen” (Fotoprojekt von Luigi Toscano).
Schau in ihren Blick: weit
hinter diesen Augen
noch immer
das unermessliche Grauen,
die Fragen, die noch immer gefragten,
die Klagen, die noch immer geklagten,
ein Leben lang
in ihren weiten Augen
noch immer
Fassungslosigkeit im steten Ringen um Fassung,
Scham und Angst und Schuld und der Zweifel,
ob es überhaupt Glück war, dem Tod entronnen zu sein,
ein langes Leben lang
Unter dem Eindruck des Projekts von Luigi Toscano “Gegen das Vergessen”.
Wer den Holocaust überlebt hat,
der müsste – so denkst du – ewig leben.
Doch sie werden sterben, wenn sie
nicht schon gestorben sind.
Wer den Holocaust überlebt hat,
wie kann, wie konnte – so fragst du – der weiter leben?
Sie lebten und leben, auch wenn
ihnen das Leben schon gestorben ist.
Wer den Holocaust überlebt hat,
der überlebt – so hoffst du – das Leben und den Tod.
Sie überleben in unserer Erinnerung.
Sie überleben unser Vergessen.
Leider bin ich
eher Fliege als Wespe:
Immer wieder stoße ich
mit dem Kopf gegen das
geschlossene Fenster,
wohingegen die Wespe
nach ein, zwei Fehlversuchen
durch die offene Tür
wieder ins Freie fliegt.
schau
ins Blau
von Himmel und Meer
schau – und staune:
wie schön ist die Welt!
lausch
dem Plausch
von Wellen und Wind
schau, lausch – und staune:
wie leicht ist die Welt!
tauch
ein in den Bauch
von Leben und Glück
tauch ein – und saug auf
das Leben, das Glück:
schau, lausch – und staune!
Ich habe mir
einen Namen gegeben,
damit ich mich
an mich erinnere.
Nun habe ich
meinen Namen
vergessen.
Mir ist es
nicht hell genug,
und ich mache
das Licht aus.
Dieses Textchen ist gerade entstanden aus einer ganz banalen Alltagssituation heraus – aber die Sache selbst hat Potential für mehr, denke ich.
für C.
die Ansprüche überhöht
die Erwartungen übermächtig
der Kalender überfüllt
der Geist überlastet
die Seele überladen
der Mensch überfordert
vom Glück übersprungen
vom Wohl übergangen
vom Feind überboten
vom Freund überflügelt
vom Leben überholt
den Erfolg überbewertet
die Arbeit überdosiert
der Mensch überarbeitet
schließlich völlig übermüdet
immer überreizt
Urlaub überfällig
du überreif für die Insel
die Übergriffe nehmen überhand:
gerade nur so überleben
des Lebens überdrüssig
du hast es alles
über
Ungewissheit
behält jedweden Namen
für sich.
Namenlos aber
bleiben wir
in der Schwebe:
Wir können es nicht denken.
Wir können nicht darüber reden.
Wir können nichts tun.
Immerhin, das
ist gewiss und
hat einen Namen:
Ungewissheit.
Ihr habt mich geschlagen
– Schlag auf Schlag –
mit Euren Stockschlägen
auf Haut und Herz.
Ihr habt mich geschlagen
– Schlag auf Schlag –
mit Euren Ratschlägen
für meine Wunden.
Ihr habt mich geschlagen
– Schlag auf Schlag –
mit Euren Umschlägen
auf meine Narben.
Ihr habt mich geschlagen
– Schlag auf Schlag –
mit Euren Vorschlägen
für meinen Schmerz.
Ihr habt mich geschlagen
– Schlag auf Schlag –
mit Euren Anschlägen
auf meinen Leib und auf mein Leben,
mit Euren Querschlägen
gegen alles, was mir lieb ist.
“Krieg ist Terror mit höherem Budget” – so titelt die ‘graswurzelrevolution’ in ihrer aktuellen Ausgabe (GWR 405, Januar 2016). Dieser Satz ist die Keimzelle für das folgende Gedicht (möglicherweise noch nicht ganz zu Ende gedacht).
Krieg ist Terror
mit höherem Budget.
Frieden ist Frieden,
unbezahlbar.
Krieg ist Terror
mit ökonomischem Gewinn.
Frieden ist Frieden,
wunderbar unrentabel.
Krieg ist Terror
mit parlamentarischer Legitimation.
Frieden ist Frieden,
herrschafts- und gewaltfrei.
Was mich jetzt doch noch sehr freut: Dieses Gedicht wird im Editorial der neuen Ausgabe der ‘graswurzelrevolution’ (GWR 406, Februar 2016) in voller Länge zitiert – und mein Schlussvers wird als Titel für den Editorial verwendet. Die Herausgeber hatten mein Gedicht zufällig gefunden… und sich darüber gefreut. Wie schön!