gnädig ist uns dieser Sommer – gönnt
er uns (und sich) doch immer wieder
eine kurze Verschnaufpause
und wir, die wir in Dachwohnungen leben
(wie es sie in heißen Städten gibt),
wir, Sommer, wir danken es dir
Gedankenspiele: Unsortiertes
Mittsommer
jetzt
werden die Tage
wieder kürzer
und
wieder länger
werden die Nächte
und
bald ist wieder
Mittwinter
an der Bushaltestelle
da ist (immer wieder)
die Angst, den Anschluss
zu verpassen: das führt (immer wieder)
zu langen (überlangen) Wartezeiten, die
mich tatsächlich den Anschluss
an das Leben verpassen
lassen
wenigstens finde ich so
Zeit zum Denken und Dichten
über das Warten
und das Leben
Ordnung und Unordnung

Unordnung
ist doch nur
eine Form von
Ordnung
und Ordnung
ist nichts weiter als
eine Form von
Unordnung
was wir sind
wir sind geworden, was
man von uns erwartet hat:
wir sind, was man ist
man hatte von uns erwartet, dass
wir werden, was man wird: wir wurden, was
man von uns erwartete, dass wir es würden
was man so nicht erwarten kann:
dass wir sind, was wir sind
Finten
was, wenn das Leben
vielleicht nur eine Finte
des Todes wäre?
und was, wenn dieser Gedanke
nur eine Finte des Lebens wäre, um
den Tod hinters Licht zu führen?
Ansichtssache
„So schnell
stirbt es sich nicht“,
pflegte mein Arzt
zu sagen.
„Korrekt“, bestätigt
die Schildkröte.
„Einspruch“, protestiert
die Eintagsfliege.
„Schnell
wäre mir lieber, aber bitte
nicht so bald“,
denke ich.
zum Jahreswechsel
jahr um jahr:
jahr um
jahraus, jahrein:
jahrauf, jahrab
jahrdrunter&drüber
vom (Nicht-)Wissen
wozu wissen, woher
wir kommen, wenn
wir nicht wissen, wohin
wir gehen?
wie wissen, wer
wir sind, wenn
wir nicht wissen, was
wir werden?
warum wissen, wenn
wir nicht wissen, warum?
“ein graues Gefühl”
noch unter dem (ersten) Eindruck des Dokumentarfilms “1001 Nights Apart” über ein junges Untergrund-Tanzstudio im Iran, wo Tanzen verboten ist
Hand und Fuß greifen
in grauen Nebel, fassen in
graue Leere, ziehen weiße Linien
über graues Linoleum:
den Mund weit offen
zu stummem Schrei
sie tanzen in diesem grauen Keller:
jeder Schritt, jeder Griff, jeder Blick
ein Versuch, ihren Traum zu leben –
oder eher: ein Versuch zu leben
sie tanzen (denn tanzen ist atmen) –
stets begleitet von diesem Etwas
(sie nennen es “ein graues Gefühl”)
Schneehnsucht
Lyrifants Adventskalender 2023 Türchen 11
ab und zu nur ein paar Flocken –
stets zu nass, gleich wieder trocken:
ach! was wünsch ich mir den Schnee so sehr!
doch hier kommt er nur selten her 🙁
Konzertbesuch – Reprise
für K. (die heute leider nicht dabei sein konnte)
heute konnte ich
mit meinen Augen
hören, was du niemals
mit deinen Ohren
hättest hören wollen
so vermag der Kopf
zu schmecken, was das Herz
nicht riechen kann
(wobei: ich fand es gar nicht mal so schlecht 😉 – trotzdem total schade, dass Du nicht neben mir hast sitzen können – gute Besserung!)
(Und dieses Gedichtchen führt dieses hier weiter: https://lyrifant.de/2022/11/13/konzertbesuch/)