nein, ich will nicht
mich entscheiden müssen
zwischen wir hier und sie dort
(das verlange bitte niemand von mir)
(wie sollte ich es erfüllen können?)
nein, ich will nicht
mich entscheiden müssen
zwischen Mensch hier und Mensch dort
Gedankenspiele: Unsortiertes
Zeit für ein Loko-Motiv
wer das Leben in vollen Zügen
genießen will, sollte seine Bahnen
nicht in ausgefahrenen Gleisen ziehen
du stellst die Weichen
und gibst das Signal
für und gegen
wer für x ist, ist gegen y,
ist anti-y, ist pro böses x –
so einfach ist das heute
doch: wer für x ist, ist vielleicht
einfach nur für x und nicht
gegen y, sondern ist vielleicht
auch für y, und wer für x ist, ist
vielleicht nicht in allem für x –
so kompliziert kann es sein
wer für y ist, muss gegen x
sein, will er nicht anti-y sein –
das ist das Gebot der Stunde
so einfach aber ist das
für mich nicht: ich bin
für für und gegen gegen,
aber manchmal auch
für gegen und gegen für
vor allem aber wünsche ich mir
wieder mehr Differenzierung
ein offenes Wort
ein offenes Wort (ganz offen:
ich trau es mich fast nicht zu sagen):
ein offenes Wort ist – scheint’s –
nicht mehr erwünscht, geduldet sind
ganz offenbar nur Worte noch, die
nur nach einer Seite offen sind
die entscheidende Frage
nicht wann, nicht wo,
weder warum noch wozu
wird was wie entschieden
die entscheidende Frage ist doch:
wer entscheidet,
wer entscheidet?
political correctness?

der entscheidende Machtfaktor
warum liegt Macht (so scheint es)
immer in den Händen der Falschen?
vermutlich weil die Richtigen niemals
für Macht über Leichen gehen würden
„Behalte den Flug im Gedächtnis“
„Behalte den Flug im Gedächtnis. / Der Vogel ist sterblich.“
Schlussverse aus „Mein Herz ist bedrückt“ von Forugh Farrochsad
Zur Erinnerung an den Tod von Jina Mahsa Amini heute vor einem Jahr und im Gedenken an die vielen, die im Widerstand gegen das iranische Mullah-Regime ihr Leben gelassen haben
wie aber
die Erinnerung
an das Fliegen wachhalten
im immer abgeriegelten Käfig?
nur noch die toten Vögel
wissen davon zu singen
das Wort zum Tag
schwere Unwetter
sind das eine
das andere ist
leichtfertige Uneinsichtigkeit
die Probleme abwiegeln
ist das eine
das andere sind
versiegelte Böden
kalte Füße
kalte Füße
kann ich nicht bekommen
von Natur aus
habe ich schon immer
kalte Füße
September
die Tage können richtig warm noch werden,
doch die Nächte bleiben kühl.
morgens ziehn schon kleine Nebelherden,
und in dir wächst dieses Gefühl:
bald kehrt wieder ein Dezember.
aber noch – noch ist es September!
im Zug
weil ich beim Zugfahren jetzt immer an Albrecht Selges Roman „Fliegen“ denken muss
vorbei
fliegen Welt
und Zeit
die Gedanken
fliegen
dahin
und auch ich
hebe ab und
fliege