wie viele Worte muss ich
in den Wörtern verlieren
wie viele Worte müssen
aus den Wörtern fallen
für das eine Wort?
wie viele Worte muss ich
in den Wörtern verlieren
wie viele Worte müssen
aus den Wörtern fallen
für das eine Wort?
In Zeiten,
in denen ich für Dich
eine Zumutung bin,
riskiere ich Deinen Unmut,
vermute ich,
obgleich ich
dringend jemanden bräuchte,
der mir mit seinem Mut
wieder Mut macht.
mit Dir zu mir
durch mich in Dich
mit mir bei Dir
durch Dich in mich
Kein Wort singt in mir.
Kein Wort klingt in mir.
Kein Wort schwingt in mir.
Kein Wort kann Wurzeln schlagen
in meiner Seele.
Grundlos traurig bin ich.
Wortlos blicke ich in
bodenlose Leere.
Von meiner Seele löst sich ein
lautloser Schrei.
Die Hafengiraffen recken ihre Hälse in die Luft:
Wann kommt das nächste Schiff?
Hafenelefanten säumen sorgsam aufgereiht
die Mole, bereit, die Lasten aufzunehmen.
Und zwischen den Containern entdeckte ich
neulich noch ein einsames Hafenkamel.
Nur die Hafenflusspferde sind offenbar immer
unter Wasser…
Eine Hommage an tierisch tierisches Industrie-Design!
Noch immer arbeitet Primo Levis “Die Untergegangenen und die Geretteten” in mir – und der Bezug zu heute.
Das Meer heute dürfte
einer ähnlichen Logik folgen
wie damals die Lager:
Wer das Meer überlebt,
hat seinen Grund nicht berührt.
Die Logik des Meeres dürfte
ähnlich unerbittlich sein:
Wer das Meer überlebt,
ist nicht untergegangen –
aber ist er gerettet?
Wer sagen kann:
Ich habe überlebt,
hat der sagen können:
Ich überlebe?
Und damit meinen:
Ich überlebe
Tag für Tag,
Stunde auf Stunde,
von Minute zu Minute?
Und hat der hoffen können:
Ich werde überleben?
Unter dem Eindruck des Kapitels “Gemeinplätze” aus dem Buch “Die Untergegangenen und die Geretteten” von Primo Levi.
Fragt nicht: Warum
seid ihr nicht ausgebrochen?
Wer seine ganze Energie
für das Überleben braucht,
hat keine Kraft
für einen Ausbruch.
Fragt nicht: Warum
habt ihr nicht revoltiert?
Wer seine ganze Hoffnung
in das Überleben setzt,
hat kein Vertrauen
in eine Revolte.
Fragt nicht: Warum
seid ihr nicht vorher geflohen?
Wer seinen ganzen Glauben
der Menschlichkeit schenkt,
sieht – um zu überleben – keinen Grund
für eine Flucht.
Fragt lieber: Warum?
Ihre Augen lassen mich nicht los: “Gegen das Vergessen” (Fotoprojekt von Luigi Toscano).
Schau in ihren Blick: weit
hinter diesen Augen
noch immer
das unermessliche Grauen,
die Fragen, die noch immer gefragten,
die Klagen, die noch immer geklagten,
ein Leben lang
in ihren weiten Augen
noch immer
Fassungslosigkeit im steten Ringen um Fassung,
Scham und Angst und Schuld und der Zweifel,
ob es überhaupt Glück war, dem Tod entronnen zu sein,
ein langes Leben lang
Unter dem Eindruck des Projekts von Luigi Toscano “Gegen das Vergessen”.
Wer den Holocaust überlebt hat,
der müsste – so denkst du – ewig leben.
Doch sie werden sterben, wenn sie
nicht schon gestorben sind.
Wer den Holocaust überlebt hat,
wie kann, wie konnte – so fragst du – der weiter leben?
Sie lebten und leben, auch wenn
ihnen das Leben schon gestorben ist.
Wer den Holocaust überlebt hat,
der überlebt – so hoffst du – das Leben und den Tod.
Sie überleben in unserer Erinnerung.
Sie überleben unser Vergessen.
Leider bin ich
eher Fliege als Wespe:
Immer wieder stoße ich
mit dem Kopf gegen das
geschlossene Fenster,
wohingegen die Wespe
nach ein, zwei Fehlversuchen
durch die offene Tür
wieder ins Freie fliegt.
Muss, wer
sein Paradies auf Erden
finden will, zuvor
durch seine eigene Hölle
gehen?
Weiß der Himmel!