im sinnlos
die sinnhaft
erkennen –
das ist wahre
sinnfreiheit
Sprachspiel
Widersprüchliche Modalitäten
ja nein
komm geh fort
voll leer hier
sind viele wohl krank
waren bloß zugedeckt
fahren halt
schon noch
eben steil
bis alles ganz kaputt
das ist vielleicht sicher
doch bestimmt ungewiss
zu nehmen und zu geben
sich vorzunehmen
nachzugeben
und hinzunehmen
herzugeben
auch mal zuzugeben
aufzugeben
sich zurückzunehmen
um sich hinzugeben
sich mit sich abzugeben
um sich anzunehmen
zu nehmen und zu geben
zu geben und zu nehmen
Dies ist übrigens das 500. Gedicht, das ich auf diesem Blog veröffentliche – ich kann es selbst kaum glauben.
Wunsch
Manchmal möchte ich einfach nur
unbehelligt bleiben.
Dafür nehme ich gern
etwas Dunkelheit in Kauf.
Vorn und Hinten
Kein Wunder,
wenn du da unten
nicht mehr weißt,
wo vorn, wo hinten ist,
wenn es dir
hinten und vorn nicht reicht,
während es denen da oben
vorn und hinten reingesteckt wird.
Kein Wunder,
dass du da hinten
die Welt derer da vorn
nur noch
von hinten sehen kannst.
Wir sollten vielleicht noch einmal
von vorn anfangen.
von Grund auf
weil du nicht gern im Vordergrund stehst
aber auch nicht gern im Hintergrund bleibst
und schon gar nicht gern am Abgrund stehst
bevor du zu Grunde gehst
oder auf Grund läufst
grundlos
damit du den Dingen auf den Grund gehst
gründlich
im Grunde
gibt es viele Gründe
in den Untergrund zu gehen
#frapalymo 28-nov-16: endlich
Am achtundzwanzigsten Impuls – “endlich”, zweiter Teil des Doppelimpulses zu “unendlich” – konnte ich nicht vorübergehen, ohne mit seinen beiden Bedeutungen zu spielen.
endlich
leben ist endlich
lasst uns deshalb
endlich leben
#frapalymo 11-nov-16: abstrakte tiere
Für den elften Impuls – wählt einen oder zwei begriffsstudiobegriffe und bindet diese in euren text ein – bräuchte ich viel mehr Zeit (allein schon zum Durchstöbern und Durchforsten des Rinckschen Begriffsstudios), das gibt mein momentanes Arbeitsleben leider nicht her… Mein erster Impuls auf diesen Impuls war:
abstrakte tiere?
frau rinck, ich kapituliere.
vor diesem sammelsurium,
da knie ich nieder, stummDoch nächtens haben die “abstrakten tiere” dann doch noch ein wenig in mir rumort – und dies ist das (vorläufige) (nicht-amtliche) Endergebnis:
abstrakte tiere*
die ung, die frisst mir aus der hand
die heit, die keit stets elegant und sehr charmant
das tum ist etwas träge
die schaft dagegen rege
am klügsten ist das wesen
denn es kann schließlich lesen
doch wenn ich mal ganz ehrlich bin
und eben mal so weiterspinn‘
dann sind mir die vampierchen**
nun doch die lieberen tierchen
das un, das ent, das miss
und auch das zähnereiche dis
sie beißen ganz erfrischlings***
die lers, die lings, das dings
im wörterzoo sind sie alle vertreten
die hohen, die kleinen
die schlichten, die feinen
die abstrakten wie die konkreten
*Nr. 3267
**Nr. 3104
***Nr. 3524
aus Monika Rincks “Begriffsstudio”
Sichtweisen
keine Einsicht ohne Aussicht
unter Aufsicht keine Zuversicht
keine Ansicht ohne Absicht
in der Vorsicht weder Nachsicht noch Rücksicht
ohne Umsicht keine Übersicht
bei Fernsicht nicht unbedingt Weitsicht
bei Nahsicht nicht unbedingt Scharfsicht
bei Klarsicht nicht unbedingt Hellsicht
nach Durchsicht nicht zwangsläufig Durchblick
Selbstporträt, exozentrisch-exzentrisch
Ein Querkopf
mit zwei linken Händen,
janusköpfig:
ein Dickkopf und
ein Kindskopf dazu.
Ein Blondschopf in Kindertagen,
blauäugig noch immer,
ein Dickwanst geworden,
schon immer ein Blaustrumpf und
eine Brillenschlange.
Den einen ein Freigeist,
den anderen ein Quälgeist,
durch und durch eine Nervensäge.
Doch leider auch
ein Hasenfuß.
Kein Großmaul, kein Schlitzohr,
kein Langfinger, doch auch kein Milchgesicht,
vielleicht ein Grünschnabel,
manchmal auch eine Lästerzunge,
ein Trotzkopf ja, ein Dummkopf? – nein.
Eine nicht ganz konsequente Spielerei mit dem Possessivkompositum…
Herzschlagworte
Und noch ein zweites – diesmal ausschließlich mit Material aus dem “Reizwörterbuch. Für Wortschatzsucher” von Ulrich Namislow!
Eine Wortschatzinsel
im Stilblütenmeer,
Worthülsenfrüchte
von der Sprachmüllhalde:
eine Fremdwortmeldung
für den Wörterbuchhalter.
Stets Kleinlautmalerei
beim Reimpaarlauf,
Zauberwortgefechte
im Wortwahlkampf –
die Wortspielzeugkiste:
eine Satzbaustelle.
Fehlerquellensteuer
für Hauptwortbruch.
Rabenmuttersprache
sucht Überschriftsteller.
Mein Freiluftschloss. Eine Traumhausgrille
eine Überlandhausküche
aus einem alten Götterspeisewagen
nebst Beerenleseecke
ein Dauerwellenbad
mit Duftwasserfall
und Tiefseeblick
ein Innenweltraum
mit Weltalleingang
und Glückssternwarte
eine Liebesspielwiese
im Windrosengarten
mit Irrwegerecht
am Ende der Musikzimmerflucht
ein Halbschattenkabinett
aus Spiegelbilderrahmen
vor einer Puppenwagenburg
ein Denksportplatz
für Schaukelpferdrennen
ein Schönschreibtisch
vom Arbeitszimmerservice
für den festen Mußestundenplan
hinter den Abendglockenblumen
eine Rückzugbrücke
nebst Unterschlupfwinkel
ein Zweitwohnzimmer
mit Mondlichtschalter
und Weihrauchmelder
und hinter dem Eisblumenmeer
das Wichtigste:
das Winterschlafzimmer
Den Impuls zu diesem Gedicht gab das Wort Winterschlafzimmer, auf das ich bei Ulrich Namislow in seinem Buch “Reizwörterbuch. Für Wortschatzsucher” (erschienen in der Reihe “Neues Buch” im Logo Verlag von Eric Erfurth) gestoßen bin. Ein Winterschlafzimmer – so etwas wollte ich schon immer mal haben! Und ich überlegte, wie ich Luftschlossherrin – auch so ein Wort aus diesem Buch – werden könnte…
Und so fing ich an zu bauen – ausschließlich mit “Kofferwörtern”, eigenen und solchen aus diesem wunderbaren Buch. Dem Buch entnommen habe ich die folgenden Preziosen: Götterspeisewagen, Duftwasserfall, Innenweltraum, Weltalleingang, Glückssternwarte, Liebesspielwiese, Irrwegerecht (ja, das sollte man unbedingt haben!), Musikzimmerflucht, Spiegelbilderrahmen, Puppenwagenburg, Schaukelpferdrennen, Mußestundenplan (absolut unverzichtbar!), Abendglockenblumen, Rückzugbrücke, Mondlichtschalter, Weihrauchmelder und eben das wunderbare Winterschlafzimmer. Leider keine Verwendung fanden: Backpulverturm, Lebenslaufsteg, Wandervogelkäfig, Triebfederbett, Tiefschlafsack und so viele weitere schöne Wortbildungen. Ich kann einfach nur empfehlen: Holt Euch dieses Buch – es macht lesevergnügungssüchtig!