„Et jibt noch jute Menschen“

Begegnung am S-Bahnhof Adlershof

auf der Wartebank
bietet mir eine Frau neben sich einen Sitzplatz an
und empfiehlt mir den guten Kaffee vom Kiosk
(den sie eben bekommen hat, wie schon so oft),
und sie erzählt mir vom Leben in Adlershof,
in welchem Laden man noch Pizza bekommt für 4,50
(wo auch das kirgisisch-italienische Wirtspaar so nett ist)
und von ihrer kleinen Arbeit in einem Blumenladen,
und sie macht Werbung für das Kiez-Frühstück:
„Et jibt noch jute Menschen, globen Se det“, sagt sie
irgendwann zwischendrin

und ja, ich will es ihr gerne glauben – denn gerade
bin ich so einem guten Menschen begegnet

Preis der Heftklammer

was von einem Leben als akademische Rät(t)in bleibt: ein Haufen Heftklammmern

scheinbar unscheinbar
(mal unauffällig aluminiumgrau
mal bescheiden kupferrot)
nimmt sie in ihren Klammergriff
ein jedes lose Blatt und hindert es
am Fliegen.

sie tackert alles und hält es fest:
ob Dokument ob Geistesblitz
von Anmerkung bis Zeugnis
Ideen Träume Gedankensplitter –
jede noch so kreative Zettelwirtschaft
verwandelt sie in eine Akte fürs Archiv.

biegsam – und am Ende selbst verbogen –
schafft sie Ordnung, wenn nötig, mit Gewalt:
nichts entgeht, nichts entkommt
diesem scharfspitzen Dracula-Biss –
nur was abgeheftet (davon ist sie überzeugt)
hat Bestand.

ihr Credo: „Ordnung ist das halbe Leben“ –
und die andere Hälfte? frage ich
(und kenne schon die Antwort:
„die andere Hälfte ist das Chaos“) –
und – hurra! – diese Hälfte startet
jetzt!