Der achtzehnte Impuls – „faszination fensterblick: eisblumen“ – hat in mir diese Verslein geweckt:
Eisblumen
Eisblumen blühen
auf der Regenbogenhaut
meines Auges
mein Blick
schneeverweht
Der achtzehnte Impuls – „faszination fensterblick: eisblumen“ – hat in mir diese Verslein geweckt:
Eisblumen
Eisblumen blühen
auf der Regenbogenhaut
meines Auges
mein Blick
schneeverweht
Der siebzehnte Impuls – eine Frage von Max Frisch: “Möchten Sie das absolute Gedächtnis?” – hat bei mir ein klares “Nein!” hervorgerufen und mich dazu gebracht, ein “Loblied auf das Vergessen” zu schreiben. Blödeln war ja ausdrücklich erlaubt! – Eine ernste Antwort auf diese Frage würde dagegen wohl eher so ausfallen wie der Titel des Gedichts von Sophie: “nein ja nein”…
Loblied auf das Vergessen
Das Vergessen ist mir lieb,
denn in meinem Kopf das Sieb
wirkt befreiend allermeist:
Es räumt auf in Seel’ und Geist.
Ach, wie schön, dass mir entfallen
Dinge, die mir nicht gefallen.
Auch vergess’ ich mit Genuss
Dinge, die ich machen muss.
Warum mühsam rumgepuzzelt?
Ich sag lieber: „Hab’s verschusselt.“
Und zu dem, was mir da sitzt
tief im Nacken: „Oh! Verschwitzt!“
Was mir nur verursacht Falten,
kann ich einfach nicht behalten.
Denn ich hab’ in meinem Kopf
lieber Platz statt alten Zopf.
Ach, wie schön ist das Vergessen!
Denn: Erinnerungen können stressen
und nicht alles ist es wert,
dass es das Gedächtnis teert.
Ach herrje, jetzt ist’s geschehen!
– Ja, das war vorherzusehen. –
Tja nun: Das Gedicht ist jetzt gegessen,
denn den Schluss hab‘ ich – vergessen.
Der sechzehnte Impuls – „manchmal kann man auch mit gesenktem kopf ein stück himmel sehen.“ (ein Tweet von @e_mm_e1; zu finden hier) – hat mich erst einmal den Kopf hängen lassen: Mit diesem schönen pointierten Satz ist doch alles gesagt, was soll man da jetzt noch machen? Was kann dabei mehr herauskommen als ein geschwätziges Gedicht? Aber dann haben sich doch noch Verse eingestellt, die an den Impuls anknüpfen, ohne ihn hoffentlich totzureden…
Perspektivenwechsel. Ein Yin und Yang-Spiel
Hast du den Kopf in den Wolken,
siehst du die Welt von oben.
In der Weite des Himmels kannst du
das Kleine im Großen sehen,
das Leise im Lauten hören,
das Dunkle im Hellen spüren.
Steckst du den Kopf in den Sand,
siehst du die Welt von unten.
In der Tiefe der Erde kannst du
das Große im Kleinen sehen,
das Laute im Leisen hören,
das Helle im Dunklen spüren.
Mit dem fünfzehnten Impuls – “fassbar” – hatte ich jetzt meine liebe Not, schließlich hatte ich mit meinem letzten Gedicht die Chance auf Korrespondenzen im Sinne des Doppelimpulses verwirkt. Doch dann hat mir der Mond geholfen (und die Erfahrung mit dem ‘Bibermond’ ist der Liebe auch gar nicht so unähnlich):
an den mond
fassbar nah
bist du heute
und doch
unfassbar fern
Beim vierzehnten Impuls – “unfassbar” – konnte ich jetzt nicht widerstehen (auch wenn mich das für den folgenden Impuls “fassbar” in die Bredouille bringen wird): Das MUSSTE, das KONNTE NUR ein Liebesgedicht werden für meinen geliebten Mann, der mich liebt – schon dies: unfassbar! – und dies auch schon seit über dreißig Jahren: unfassbar! – und der immer noch viele kleine Geheimnisse für mich bereithält: unfassbar!
unfassbar
Du
Der dreizehnte Impuls – „schaut auch diesen tanz (link) an und lasst euch durch bewegung, musik, ausdruck inspirieren“ (eine Anregung von @fliegergedanke; Tanz ab Minute 0:24) – führt mich in ein ganz neues Feld. Einen Tanz lyrisch umzusetzen, das hatte ich, soweit ich mich erinnern kann, noch nie versucht. Herausgekommen ist ein “Paargedicht”, also eine kleine Reflexion über das Paar-Sein, die allerdings nur ansatzweise der unbändigen Ausdruckskraft dieses tanzenden Paares gerecht wird.
Pas de deux
Schritt für Schritt
für Schritt für Schritt
Hand in Hand
Arm in Arm in
Arm in Arm
ganz Auge
ganz Ohr
Takt für Takt
für Takt für Takt
Schulter an Schulter
Bauch um Rücken an
Rücken um Bauch
ganz Körper, ganz Geist
in Liebe, in Leid
Ton um Ton
um Ton um Ton
Hand auf Arm um Schulter in
Freude in Leid auf Knie vor Brust vor
Schmerz auf Bauch auf Rücken aus
Liebe von Mund zu Ohr ins Auge um
Auge durch Leib in Seele
vier Arme vier Beine
zwei Körper zwei Herzen
ein Leben ein Tanz
Der zwölfte Impuls –„kubistisches körpergefühl“ (eine Idee von @exnocte) – stellt wieder ganz neue Herausforderungen. Mir geht es damit wie Sophie: “ich habe noch keine ahnung, was ein kubistisches körpergefühl ist”, lasse Bilder vor meinem geistigen Auge vorüberziehen, horche in mich hinein. Hm, vielleicht so etwas:
mein Körper: kubistisch
mein Herz: mein Auge
meine Hand: mein Ohr
mein Mund: ein Strich
ein Punkt: mein Ich
Für den elften Impuls – wählt einen oder zwei begriffsstudiobegriffe und bindet diese in euren text ein – bräuchte ich viel mehr Zeit (allein schon zum Durchstöbern und Durchforsten des Rinckschen Begriffsstudios), das gibt mein momentanes Arbeitsleben leider nicht her… Mein erster Impuls auf diesen Impuls war:
abstrakte tiere?
frau rinck, ich kapituliere.
vor diesem sammelsurium,
da knie ich nieder, stummDoch nächtens haben die “abstrakten tiere” dann doch noch ein wenig in mir rumort – und dies ist das (vorläufige) (nicht-amtliche) Endergebnis:
abstrakte tiere*
die ung, die frisst mir aus der hand
die heit, die keit stets elegant und sehr charmant
das tum ist etwas träge
die schaft dagegen rege
am klügsten ist das wesen
denn es kann schließlich lesen
doch wenn ich mal ganz ehrlich bin
und eben mal so weiterspinn‘
dann sind mir die vampierchen**
nun doch die lieberen tierchen
das un, das ent, das miss
und auch das zähnereiche dis
sie beißen ganz erfrischlings***
die lers, die lings, das dings
im wörterzoo sind sie alle vertreten
die hohen, die kleinen
die schlichten, die feinen
die abstrakten wie die konkreten
*Nr. 3267
**Nr. 3104
***Nr. 3524
aus Monika Rincks “Begriffsstudio”
Der zehnte Impuls – sucht euch von eurem lieblingsdichter den titel eines gedichts und nehmt diesen als inspiration – kommt so harmlos daher… aber: Wer die Wahl hat, hat die Qual. Ich war versucht zu schummeln, hab ich sowas doch sowieso im Gepäck: zum Beispiel zu Ulla Hahns “Herz über Kopf” (Herzwärts), zu SAIDs “Sei Nacht zu mir” (Sei Nacht zu mir) oder zu “Mein blaues Lied” von Ahmad Shamlu (Mein blaues Lied) – aber das wäre ja nicht im Sinne der Erfinderin des frapalymo… Also auf: Mit allen Sinnen an den Bücherschrank…
Hängen geblieben bin ich – möglicherweise liegt es daran, dass mich der November immer ein bisschen sentimental macht – an Friedrich Hölderlins “Hälfte des Lebens”. Tja, und das ist dabei herausgekommen:
Hälfte des Lebens
bitte, keine halben Sachen
auch nicht: halbe-halbe
entweder ganz
oder gar nicht
ein halbes Leben:
nichts Halbes, nichts Ganzes
Leben auf halbmast
halbherzig
halb tot
lebenshalber:
mach nicht halblang
lebe – ganz! voll! rund!
Es gibt Momente, da hilft nur noch Galgenhumor… Wobei: Jena finde ich mindestens genauso beunruhigend wie Washington…
Die Welt ist geschockt,
hat sie’s doch verbockt,
sich selbst eingebrockt,
zu lang hinterm Ofen gehockt
und lieber gerockt…
Sie wurde verlockt
von einem, der bockt.
Der Sieger frohlockt.
Die Welt ist geschockt,
doch: Verzockt ist verzockt.
Puh, es wird immer härter! Der neunte Impuls – ein text, zwei strophen, vier wörter: glas, dünn, blass, see. sie sollen in beiden strophen je einmal vorkommen – macht sehr viele Vorgaben. Aber sie kommen mir entgegen: Ich liebe parallele Konstruktionen. Und ich habe mir selbst noch eine weitere Vorgabe gemacht: Ich wollte diese vier Wörter in der zweiten Strophe in umgekehrter Reihenfolge wiederholen (quasi als Spiegelung); hab dann noch ein paar Wörter zum Wiederholen hinzugefügt, aber die Rahmenwörter sozusagen fixiert – man gönnt sich ja sonst nichts.
Winter
Einsam liegt der See im Schnee.
Blass ist sein Gesicht. Weiß.
Dünn ist das Eis, das ihn bedeckt
wie Glas, kalt und klar. Darunter
kannst du ihn vom Frühling träumen sehen.
Einsam stehe ich am Fenster und
blicke durch das Glas, kalt und klar.
Dünn ist meine Haut geworden. Weiß.
Blass ist mein Gesicht. Unter dem Schnee
kannst du noch den Frühling spüren, im Traum.
Der achte Impuls – „ich habe geträumt, ein baum wuchs ins zimmer. jetzt vermisse ich ihn.“ (ein tweet von ina steg aka @tschabuhjahhh) – ist eine echte Herausforderung. Enigmatische Texte mit komplexer Bildstruktur im Kurzformat (in den Worten von Frau Paulchen: „alles gesagt, alles offen“), das ist ja nicht unbedingt mein Ding, obgleich es etwas ist, wo ich schon immer mal hinkommen wollte. Nach vielen Entwürfen und Verwürfen standen am Ende nun diese Verse da:
nachts, auf dem heimweg
auf meinem weg | lag plötzlich ein stern. ich
hob ihn auf und machte mich auf | den weg.