Die zweite Haut (1)

Das Feigenblatt,
das meine Blöße
bedeckt, mir meine
Blöße entdeckt, ist
bloß ein Feigenblatt.

Heute, am ersten Tag des neuen Jahres, war ich in einer Ausstellung, die mich tief beeindruckt hat: “Die zweite Haut” im Museum Sinclair-Haus in Bad Homburg. Sie hat in mir den Wunsch geweckt, mich diesem Thema und seinen Bildern in einem Gedichtzyklus anzunähern – wohin mich das tragen wird, weiß ich noch nicht, aber ich kann mir ja Zeit lassen. Das Motiv für das erste Gedicht stand aber sehr schnell fest, und hier ist es auch schon…
Nach Möglichkeit werde ich Links zu den Bildern, die die Texte jeweils inspiriert haben, einrichten (die Bilder hier direkt einzustellen, ist aus rechtlichen Gründen nicht möglich). Links haben aber auch einen entscheidenden Vorteil: Ihr könnt (!) euch das Bild/die Bilder anschauen, aber ihr müsst es nicht – das entscheidet ihr selbst.
Die Texte sollten aber auch für sich stehen können. Denn es ist nicht das Ziel meiner Texte, die Bilder 1:1 in Worte zu überführen. Die Bilder sind nicht mehr, aber auch nicht weniger als die ‘Auslöser’ für die Texte, in denen ich mich den Reflexionen und Emotionen, die die Bilder in mir freisetzen, auf sprachliche Weise annähere.

Link zu Bild und Ausstellung: Die zweite Haut

zu nehmen und zu geben

sich vorzunehmen
nachzugeben

und hinzunehmen
herzugeben

auch mal zuzugeben
aufzugeben

sich zurückzunehmen
um sich hinzugeben

sich mit sich abzugeben
um sich anzunehmen

zu nehmen und zu geben
zu geben und zu nehmen

Dies ist übrigens das 500. Gedicht, das ich auf diesem Blog veröffentliche – ich kann es selbst kaum glauben.

Segen für 2017

zwei menschen in verbundenheit – das sollt ihr sein: mensch für mensch.
tausend augenblicke voller glück seien euch gegönnt: in jedem augenblick.
sieben heiße sommerwochen seien euch gewährt: einen sommer lang.
zehn träume lasst endlich wirklichkeit werden: traum um traum.

Meine Freundin Bärbel hat mir aus Metz ein kleines Büchlein mitgebracht: “vive la poésie. cahier d’activité”, ein Büchlein, das zum Dichten anregen soll (“nicht, dass du das nötig hättest”, betonte sie, als sie es mir gab). Das Akrostichon  mit Wörtern (nicht mit Buchstaben) hatte es mir dann doch gleich angetan: die perfekte Form für einen kleinen Neujahrsgruß.

Besinnung

Wo
ist der Ort,
an den ich gehöre?
Hier.

Wann
ist die Zeit,
auf die ich warte?
Jetzt.

Wer
ist der Mensch,
zu dem ich werden möchte?
Ich.

Und mit diesen weihnachtlich-besinnlichen Versen wünsche ich all meinen treuen Leserinnen und Lesern ein paar stille und friedliche Weihnachtstage und ein gutes Neues Jahr. Habt Dank für Eure stete Begleitung, Euren Zu- und Widerspruch, wovon dieser Blog lebt.

Heile Welt

Pack mich in Watte. Lull mich ein.
Wiege mich in Sicherheit.
Schirm mich ab von allem Bösen.
Streu mir Sand in die Augen.
Besser noch: Steck meinen Kopf in den Sand.
Schließ mich ein in mein Wolkenkuckucksheim.
Verschanz mich in meinem Elfenbeinturm.
Lock mich hinter den Ofen. Halte mich schön warm.
Bette mich auf Wolken. Deck mich zu
mit Märchen aus einer besseren Welt.
Gaukle mir ein Stück heile Welt vor.
Lüg mir in die Tasche. Und schenk
mir unreinen Wein ein.

verkehrte welt

für Aleppo und die vielen anderen Orte des Grauens

die gebliebenen
beneiden die geflohenen
die geflohenen wünschen
geblieben zu sein

die verwundeten
beneiden die toten
die toten wünschen
nie geboren zu sein

die neugeborenen
beneiden die ungeborenen
die ungeborenen wünschen
nie geboren zu werden

die lebenden
beneidet niemand mehr
die sterbenden wünschen
nur noch tot zu sein

auf frieden hofft
hier niemand mehr

Der Satz in den Nachrichten “Die Verwundeten beneiden die Toten” hat mich aus meiner Sprachlosigkeit geholt.

Vorn und Hinten

Kein Wunder,
wenn du da unten
nicht mehr weißt,
wo vorn, wo hinten ist,
wenn es dir
hinten und vorn nicht reicht,
während es denen da oben
vorn und hinten reingesteckt wird.

Kein Wunder,
dass du da hinten
die Welt derer da vorn
nur noch
von hinten sehen kannst.

Wir sollten vielleicht noch einmal
von vorn anfangen.