zum 16. Hochzeitstag
zusammen leben
gemeinsam alt werden
miteinander lachen
miteinander weinen
gemeinsam jung bleiben
zusammen sterben
und uns lieben
für immer
zum 16. Hochzeitstag
zusammen leben
gemeinsam alt werden
miteinander lachen
miteinander weinen
gemeinsam jung bleiben
zusammen sterben
und uns lieben
für immer
“Herzlich willkommen!”
rufen wir euch zu
und erklären euch den Krieg.
“Herzlich willkommen!”
rufen wir euch zu
und schränken den Familiennachzug ein.
Ich bin nicht
Dein Schatten,
mein Schatten
sollst auch Du nicht sein.
Ich stehe nicht
in Deinem Schatten,
in meinem Schatten
sollst auch Du nicht stehen.
Doch kann ich nicht
über meinen Schatten springen,
über Deinen Schatten springen
sollst jedoch auch du nicht.
Du wirfst auf mich
keinen Schatten,
keinen Schatten
möchte ich auf Dich werfen.
Du bist
mein Licht,
Dein Licht
lass mich sein.
Du denkst,
ich denke,
du denkst…,
denkst du?
Du denkst,
ich denke,
du denkst,
ich denke,
du denkst…,
denke ich.
“Herzlich willkommen!”
rufen wir euch zu
und erklären eure Heimat zum sicheren Herkunftsland.
Wo aus einem “Willkommen!”
ein “Willgehen”, will heißen:
ein “Ich will, dass sie gehen” wird.
Wo man statt freundlich “Herein!”
feindselig “Raus!” ruft.
Wo der Einladung
schon bald die Ausweisung folgt.
Wo man den herzlichen Empfang
zu einer herzlosen Gefangennahme machen will.
Wo man statt eines Obdachs
eins auf’s Dach bekommt.
Wo man statt einer Herberge
nur ein “Hinweg!” findet.
Wo sich die Begrüßung
in eine Verabschiedung,
in eine Verabschiebung verkehrt.
Dort ist nicht “Die Welt
zu Gast bei Freunden”.
Dort sind arme Menschen
Fremde unter Feinden.
“Herzlich willkommen!”
rufen wir euch zu
und diskutieren über Transitzonen.
“Herzlich willkommen!”
rufen wir euch zu
und beschleunigen die Abschiebeverfahren.
Neue Wurzeln
wollte ich Dir geben
in meiner Erde.
Meine Erde aber hat
Deine Wurzeln
nicht aufgenommen.
Meine Erde hat dafür
meine Wurzeln
abgestoßen.
So hängen nun
Deine Wurzeln und
meine Wurzeln
in der Luft –
frei von Deiner Erde,
frei von meiner Erde.
So sind nun
Deine Wurzeln und
meine Wurzeln
Luftwurzeln,
die Halt finden,
indem sie einander umschlingen.
Inspiriert ist dieses Gedicht von der Bezeichnung “LuftwurzelLiteratur”, in die der sujet-Verlag die Exil-Literatur programmatisch umbenannt hat – ein Wort, das mich unmittelbar angesprungen hat, auch wenn es erst noch etwas in mir arbeiten musste, bis ich zu diesem Gedicht fand.
Ich blicke
in den dunklen
Mond Deines Auges.
Mit einem Wimpernschlag
ist es
taghell.
“Herzlich willkommen!”
rufen wir euch zu
und schließen die Grenzen.