Lyrifants Adventskalender 2023 Türchen 9
Frühling
war’s, als wir
uns trafen einst.
Sommer
wurd’s, und wir
blieben beieinander.
Herbst
ist’s nun, und wir
gehn gemeinsam weiter.
Werden wir
auch gut über den
Winter kommen?
Lyrifants Adventskalender 2023 Türchen 9
Frühling
war’s, als wir
uns trafen einst.
Sommer
wurd’s, und wir
blieben beieinander.
Herbst
ist’s nun, und wir
gehn gemeinsam weiter.
Werden wir
auch gut über den
Winter kommen?
Mindestens fünfzig Gründe
kann ich dir nennen,
die dagegen sprechen,
die Heimat zu verlassen.
Die Mutter.
Der Vater.
Die Schwester.
Der Bruder.
Der Mann. Die Frau.
Das Kind. Die Kinder.
Die Enkel.
Die Ahnen.
Die Freunde.
Die Menschen.
Der Berg. Das Tal.
Die Steppe. Die Wüste.
Der See. Das Meer. Der Fluss.
Der Stein.
Der Baum. Der Strauch.
Die Tiere. Die Vögel.
Die Erde unter deinen Füßen.
Der Himmel über dir.
Die Sonne. Die Wolken.
Der Wind in deinem Haar.
Die Stadt. Das Dorf.
Die Straße. Der Weg.
Die alte Brücke.
Die neue Schule.
Das Haus.
Der Hof. Der Garten.
Der Tisch. Das Bett.
Das alte Bild.
Der Blick durch die Tür.
Der Blick aus dem Fenster.
Die Sprache.
Die Küche.
Die Lieder.
Die Tänze.
Die alten Geschichten.
Die alten Bräuche.
Die vertrauten Kleider.
Die vertrauten Gesten.
Das gemeinsame Lachen.
Das gemeinsame Weinen.
Die Erinnerung.
Die Hoffnung.
Der Glaube.
Die Liebe.
Die Verantwortung.
Das Schuldgefühl.
Die Trauer.
Die Angst.
Die Ohnmacht.
Das Heimweh.
Wie groß muss das Leid sein,
wenn man trotz dieser guten Gründe
sein Land verlässt,
wenn man trotzdem flieht?
Stell dir vor,
du bist auf der Flucht
und kommst in ein
Land, wo man dir
dein provisorisches Heim
anzündet, noch bevor du
darin wohnst.
Zitiert von Norella auf “Omas Wörtersalat”: https://woertersalat.wordpress.com/2015/07/19/wenn-die-zuflucht-brennt/– das hat mich doch sehr gefreut!
Mein Herz
steht Kopf.
Meine Hand
fasst Fuß
auf Deiner Haut,
in Deinem Haar.
Mein Auge
ist ganz Ohr
für Deinen Mund.
Ich liebe Dich
mit Deinem Herzen,
denn mein Herz hab ich Dir geschenkt,
so wie
Du mir Dein Herz geschenkt hast und
mich nun liebst
mit meinem Herzen.
Heißt das:
Mein Herz
liebt nun mich,
und
Dein Herz
liebt nun Dich?
Nein, so einfach ist das nicht.
Mein Herz in Dir
liebt nun Dein Herz in mir
und
Dein Herz in mir
liebt nun mein Herz in Dir.
Schenkt nun
mein Herz in Dir
sein Herz
an Dein Herz in mir
und schenkt nun
Dein Herz in mir
sein Herz
an mein Herz in Dir, dann
liebe ich Dich
mit dem Herzen meines Herzens
in Deinem Herzen in mir
so wie
Du mich liebst
mit dem Herzen Deines Herzens
in meinem Herzen in Dir.
Nicht nahe genug
kann ich Dir sein.
Nicht nahe genug
kannst Du mir sein.
Nicht zu nahe
darf ich Dir kommen,
will ich Dir ganz nahe sein.
Nicht zu nahe
darfst Du mir kommen,
willst Du mir ganz nahe sein.
Zwischen Dir und mir
findet Platz allein
die lächelnde Nähe.
Abend
ist es geworden
über die Jahre im Exil.
Du aber wartest
noch immer auf den
Morgen.
Die Letzten ihrer Art
kamen zu uns
und suchten Schutz.
Sie waren wild.
Sie waren groß.
Sie waren stark.
Sie waren schön.
Sie waren jung.
Wir machten sie zahm.
Wir machten sie klein.
Wir machten sie schwach.
Wir machten sie hässlich.
Wir machten sie alt.
Wohin
können sie jetzt
noch ziehen?
Schön ist
eine Wanderung
von der Fußsohle
über das Rückgrat
bis hinauf zum Schulterblatt.
Die Fingerkuppe verspricht
eine gute Aussicht über
die Bauchdecke bis
hinunter zur Kniescheibe.
Schon lockt
die Armbeuge.
Vor den Lendenwirbeln
finden wir
Schutz in der Achselhöhle.
Bald klettern wir über
Haarwurzeln, sammeln
Ohrmuscheln im Brustkorb.
Im Mundwinkel
machen wir Picknick:
Du knabberst
an meinem Augapfel.
Das Gaumensegel
ist gespannt. Wir
breiten unsere Nasenflügel aus und
fliegen –
unzählbar
das leid,
das diese menschen
kaum zu erzählen vermögen:
die verfolgten,
die gefolterten,
die geflohenen
undenkbar
das leid,
das diese menschen
zu erdenken in der lage sind:
die verfolger,
die folterer,
die schlepper
untragbar
das leid,
das menschen menschen
zu ertragen zwingen:
die verfolger die verfolgten,
die folterer die gefolterten,
die schlepper die geflohenen
unfassbar
das leid,
das diese menschen
nie wirklich zu erfassen suchen:
unsere journalisten,
unsere obersten richter,
unsere regierenden
unsagbar
das leid,
das die menschlichkeit
zum versagen verdammt
Orientierungslos
treibt das Schiff
auf offenem Meer.
Die Segel zerschlissen.
Die Ruder verloren.
Ankerlos.
Rettungslos.
Rettungslos überfüllt
die wenigen Rettungsboote.
Zerstört die Rettungsringe.
Einen Rettungsanker gibt es nicht.
Mann über Bord.
Frau über Bord.
Kind über Bord.
Über Bord auch
unsere Menschlichkeit.
Kein Ende des Leidens.
Kein Ende des Sterbens.
Kein Ende des Mordens.
Kein Land in Sicht.
“Kein Land in Sicht” ist das Motto des diesjährigen “Open Ohr Festivals” in Mainz, das der Flüchtlingsproblematik gewidmet ist.
Zwischen dem
Land der Verzweiflung
und dem
Land der Hoffnung
liegt das
Meer des Todes.