Schlechte Zeiten für Taijiquan

Kein Einklang mit dem Kosmos heute:
Mein Tiger verfehlt die Beute,
dem Kranich sind die Flügel lahm.
Mein goldener Hahn braucht ein drittes Bein.
Der Pfau entwischt mir,
wenn ich ihn am Schwanz packen will.
Und das Pferd duldet nicht,
dass ich seine Mähne streiche.
Selbst der Berg lässt sich nicht nach vorne schieben.
Mein Geist bleibt zu. Wo ist nur meine Energie?

Heile Welt

Pack mich in Watte. Lull mich ein.
Wiege mich in Sicherheit.
Schirm mich ab von allem Bösen.
Streu mir Sand in die Augen.
Besser noch: Steck meinen Kopf in den Sand.
Schließ mich ein in mein Wolkenkuckucksheim.
Verschanz mich in meinem Elfenbeinturm.
Lock mich hinter den Ofen. Halte mich schön warm.
Bette mich auf Wolken. Deck mich zu
mit Märchen aus einer besseren Welt.
Gaukle mir ein Stück heile Welt vor.
Lüg mir in die Tasche. Und schenk
mir unreinen Wein ein.

Überleben V

Noch immer arbeitet Primo Levis “Die Untergegangenen und die Geretteten” in mir – und der Bezug zu heute.

Das Meer heute dürfte
einer ähnlichen Logik folgen
wie damals die Lager:
Wer das Meer überlebt,
hat seinen Grund nicht berührt.

Die Logik des Meeres dürfte
ähnlich unerbittlich sein:
Wer das Meer überlebt,
ist nicht untergegangen –
aber ist er gerettet?

Überleben III

Unter dem Eindruck des Kapitels “Gemeinplätze” aus dem Buch “Die Untergegangenen und die Geretteten” von Primo Levi.

Fragt nicht: Warum
seid ihr nicht ausgebrochen?
Wer seine ganze Energie
für das Überleben braucht,
hat keine Kraft
für einen Ausbruch.

Fragt nicht: Warum
habt ihr nicht revoltiert?
Wer seine ganze Hoffnung
in das Überleben setzt,
hat kein Vertrauen
in eine Revolte.

Fragt nicht: Warum
seid ihr nicht vorher geflohen?
Wer seinen ganzen Glauben
der Menschlichkeit schenkt,
sieht – um zu überleben – keinen Grund
für eine Flucht.

Fragt lieber: Warum?