Der Tod der Wahrheit

Das erste Opfer
eines jeden Krieges
– so sagt man –
ist die Wahrheit.

Manche sagen auch:
Die Wahrheit stirbt immer
schon vor jedem Krieg.

Ich frage mich, ob es
ohne den Tod der Wahrheit
überhaupt einen Krieg gäbe.
Denn wer den Krieg will,
muss die Wahrheit töten.

Der Tod der Wahrheit
ist kein Kollateralschaden.
Der Tod der Wahrheit
ist auch keine unvermeidliche Folge
von Kriegsvorbereitungen.
Der Tod der Wahrheit
ist die unabdingbare Bedingung
eines jeden Krieges.

Insofern ist die Wahrheit
nicht das erste Opfer des Krieges, sondern
der eigentliche Feind des Krieges.
Denn die Wahrheit ist
der Tod eines jeden Krieges –
nein, die Wahrheit wäre
der Tod eines jeden Krieges,
hätte man sie nicht
um des Krieges willen
schon lange getötet.

Lontano

unter dem Eindruck von György Ligetis Klangteppich „Lontano für großes Orchester“ (1967)

Die Weite des Klangs
verliert sich in
der Weite des Klangs
lang und weit

Die Tiefe des Klangs
verliert sich in
der Tiefe des Klangs
weit und tief

Die Trübe des Klangs
verliert sich in
der Trübe des Klangs
tief und trüb

Die Fülle des Klangs
verliert sich in
der Fülle des Klangs
trüb und voll

Die Dichte des Klangs
verliert sich in
der Dichte des Klangs
voll und dicht

Die Ferne des Klangs
verliert sich in
der Ferne des Klangs
dicht und fern
fern
fern

Schreiben aus Liebe

Ich schreibe über Dich und mich.
Ich schreibe mich an Dich.
Ich schreibe mich zu Dir.
Ich schreibe mich auf Dich.
Ich schreibe mich Dir unter die Haut.

Ich schreibe mich ein in Dich.
Ich schreibe mich aus in Dir.
Ich beschreibe mich mit Dir.
Ich umschreibe mich mit Dir.
Ich erschreibe mich mit Dir.

Ich überschreibe mich Dir.
Ich schreibe mich Dir zu.
Ich verschreibe mich Dir.
Ich verschreibe Dich mir.
Ich schreibe mich ab ohne Dich.

Ich schreibe mich ab von Dir.
Ich überschreibe mich mit Dir.
Ich zerschreibe mich für Dich.
Ich schreibe mich um durch Dich.
Ich unterschreibe Dich mit mir.

Dichterworte

Wer dichtet, ist ein Wortungeheuer,
das in Wörtern
nach Worten taucht.

Wer dichtet, ist ein Wortsammler,
der zwischen Wortfetzen und
treibendem Wortgut
manch Wortschatz entdeckt.

Wer dichtet, ist ein Wortkenner,
der – das Ohr am Wortlaut –
von jeder Wortart
ein Wörtchen zu sagen weiß.

Wer dichtet, ist ein Wortspieler,
der neue Wörter
aus dem Wortschwall schöpft,
der Phrasen
auf dem Wortfeld drischt,
der Sprüche
im Wortbruch klopft.

Wer dichtet, ist ein Wortführer,
der den Wortreichen
ihr großes Wort abschneidet
den Wortmächtigen
das Wort aus dem Mund nimmt
und den Wortlosen
das letzte Wort gibt.

Wer dichtet, ist ein Wortverdreher,
der um Wort und Antwort,
um Spruch und Zuspruch,
um Rede und Gegenrede
nie verlegen ist und
der das Wort ergreift,
um dem Wort das Wort zu reden.

Wer dichtet, ist ein Wortklauber,
der jedes Wort auf die Goldwaage legt,
und sich selbst das Wort im Mund umdreht,
der ins Wort fällt,
der im Wort steht,
der sein Wort hält.
Wer dichtet, den kannst du
beim Wort nehmen, denn
wer dichtet, lässt kein Wort fallen,
wer dichtet, verliert kein Wort.

Wer dichtet, ist ein Wortkünstler,
der dir sein Wort gibt,
weil ihm die Worte fehlen.

Spätsommerzoo

nach der Schafskälte
nun noch die Hundstage

der Löwenzahn
nur noch Erinnerung
im Löwenmäulchen

einst Schwanenhals
und Wespentaille
(das hatte ich noch nie)

nun Krähenfüße
und Hühneraugen
(das habe ich noch nicht)

doch nie einen Katzenbuckel
aber dafür jede Menge
Eselsohren in der Gänsehaut