Dichterworte

Wer dichtet, ist ein Wortungeheuer,
das in Wörtern
nach Worten taucht.

Wer dichtet, ist ein Wortsammler,
der zwischen Wortfetzen und
treibendem Wortgut
manch Wortschatz entdeckt.

Wer dichtet, ist ein Wortkenner,
der – das Ohr am Wortlaut –
von jeder Wortart
ein Wörtchen zu sagen weiß.

Wer dichtet, ist ein Wortspieler,
der neue Wörter
aus dem Wortschwall schöpft,
der Phrasen
auf dem Wortfeld drischt,
der Sprüche
im Wortbruch klopft.

Wer dichtet, ist ein Wortführer,
der den Wortreichen
ihr großes Wort abschneidet
den Wortmächtigen
das Wort aus dem Mund nimmt
und den Wortlosen
das letzte Wort gibt.

Wer dichtet, ist ein Wortverdreher,
der um Wort und Antwort,
um Spruch und Zuspruch,
um Rede und Gegenrede
nie verlegen ist und
der das Wort ergreift,
um dem Wort das Wort zu reden.

Wer dichtet, ist ein Wortklauber,
der jedes Wort auf die Goldwaage legt,
und sich selbst das Wort im Mund umdreht,
der ins Wort fällt,
der im Wort steht,
der sein Wort hält.
Wer dichtet, den kannst du
beim Wort nehmen, denn
wer dichtet, lässt kein Wort fallen,
wer dichtet, verliert kein Wort.

Wer dichtet, ist ein Wortkünstler,
der dir sein Wort gibt,
weil ihm die Worte fehlen.

Spätsommerzoo

nach der Schafskälte
nun noch die Hundstage

der Löwenzahn
nur noch Erinnerung
im Löwenmäulchen

einst Schwanenhals
und Wespentaille
(das hatte ich noch nie)

nun Krähenfüße
und Hühneraugen
(das habe ich noch nicht)

doch nie einen Katzenbuckel
aber dafür jede Menge
Eselsohren in der Gänsehaut

Alles hat seine Sprache

Alles hat seine Sprache.
Es gibt eine Sprache des Himmels
und eine Sprache der Erde.
Es gibt eine Sprache der Berge
und eine Sprache des Meeres.
Es gibt eine Sprache der Tiere
und eine Sprache der Pflanzen.

Alles hat seine Sprache.
Es gibt eine Sprache der Trauer
und eine Sprache der Freude.
Es gibt eine Sprache des Zorns
und eine Sprache der Lust.
Es gibt eine Sprache der Angst
und eine Sprache des Glücks.
Es gibt eine Sprache der Liebe
und eine Sprache des Hasses.

Alles hat seine Sprache.
Es gibt eine Sprache für den Freund
und eine Sprache für den Feind.
Es gibt eine Sprache für die Eltern
und eine Sprache für die Kinder.
Es gibt eine Sprache für die Frau
und eine Sprache für den Mann.

Alles hat seine Sprache.
Es gibt eine Sprache zum Arbeiten
und eine Sprache zum Spielen.
Es gibt eine Sprache zum Fluchen
und eine Sprache zum Beten.
Es gibt eine Sprache zum Loben
und eine Sprache zum Tadeln.
Es gibt eine Sprache zum Töten
und eine Sprache zum Überleben.

Alles hat seine Sprache.
Es gibt eine Sprache zum Sprechen
und eine Sprache zum Schreiben.
Es gibt eine Sprache zum Denken
und eine Sprache zum Handeln.
Es gibt eine Sprache zum Singen
und sogar eine Sprache zum Dichten.

Die Sprache zum Dichten aber spricht
die Sprache des Himmels und der Erde,
die Sprache der Berge und des Meeres,
die Sprache der Tiere und der Pflanzen;
die Sprache der Trauer und der Freude,
die Sprache des Zorns und der Lust,
die Sprache der Angst und des Glücks,
die Sprache der Liebe und des Hasses;
die Sprache für den Freund und für den Feind,
die Sprache für die Eltern und für die Kinder,
die Sprache für die Frau und für den Mann;
die Sprache zum Arbeiten und zum Spielen,
die Sprache zum Fluchen und zum Beten,
die Sprache zum Loben und zum Tadeln,
die Sprache zum Töten und zum Überleben;
die Sprache zum Sprechen und zum Scheiben,
die Sprache zum Denken und zum Handeln,
die Sprache zum Singen und zum Dichten.

Alles hat seine Sprache.
Alles spricht seine Sprache
im Gedicht.

Biographie

anfangs über Tische und Bänke
später zwischen allen Stühlen

immer mit der Tür ins Haus
geradewegs durch die Wand

gern auch aufs Dach
oft über den Zaun

mal um die Häuser
mal in fremden Betten

ab und zu aus dem Fenster
wenn nötig durch den Kamin

meist achtlos in der Ecke
oft im Keller

noch was in der Schublade
gut versteckt im Schrank

viel unter der Decke
viel unter den Teppich

am Ende hinterm Ofen
zu guter Letzt am Boden

Das Lied vom Leben

mal hier, mal dort
stets überall und nirgends
nur mal eben
sofort und gleich
allzeit allerorten

hin und wieder
im Hier und Jetzt
ab und zu
im Dort und Einst
dann und wann
im Da und Dann

immerzu
im Auf und Ab
im Hin und Her
immerzu, immerfort
fort und weg
nie und nimmer
heim

irgendwann im Nirgendwann
irgendwo im Nirgendwo
ganz da
ganz nah
ganz ja

für immer und ewig

Die Gaben des Dichters

Dem Zorn eine Stimme.
Dem Leid ein Gesicht.

Der Angst den Rücken.
Dem Schmerz eine Schulter.

Dem Unrecht die Stirn.
Dem Frieden die Hand.

Auf die Liebe ein Auge.
Der Menschheit ein Ohr.

Der Welt in den Hintern.
Die Kunst vom Kopf auf die Füße.

Und nicht zuletzt:
Der Suppe ein Haar.

Lose Gedanken

Wie ich sterben möchte

für C. R., die am ersten Part mitgedichtet hat

lautlos
schmerzlos
wunschlos

oder:

kampflos
klaglos
schuldlos

Wie ich nicht sterben möchte

schutzlos
trostlos
lieblos

grundlos

Wie ich gelebt haben möchte

sorglos
furchtlos
zwanglos

Wie ich nicht gelebt haben möchte

farblos
freudlos
frucht- und kernlos

Wie ich gerne wäre (ein utopischer Entwurf)

rettungslos ehrlos
pausenlos ruchlos
bodenlos schamlos
gnadenlos maßlos
atemlos zuchtlos
restlos gottlos

Wie ich aber wohl eher bin

arg- und harmlos
reiz- und randlos
prunk- und glanzlos
ton- und spurlos

Wie ich nicht sein will

weder:

herzlos
hirnlos
hand- und fußlos

noch:

treulos
taktlos
traum- und fantasielos

Wie ich Dich lieben will

nahtlos drahtlos
zahllos haltlos
endlos selbstlos
fraglos planlos
schadlos rastlos
straflos schlaflos
zinslos zeitlos
reimlos raumlos

Wie ich Dich nicht lieben will

achtlos
reglos
leblos
lustlos

Wie ich mich angesichts der Weltlage fühle

hilflos
mutlos
machtlos
rechtlos
wehrlos
wahllos

sprachlos

Wie ich die Welt nicht haben will

baum- und mondlos
duftlos
bild- und schriftlos
wort- und blicklos
glücklos

Wie ich Gedichte nicht mag

kopf- und blutlos
kunst- und brotlos
saft- und kraftlos
sang- und klanglos
stil- und schmucklos
weg- und ziellos
zahn- und witzlos
licht- und geistlos

Wie ich mir Gedichte wünsche

nicht formlos,
   aber formfrei
nicht sinnlos,
   aber sinnfrei
nicht zwecklos,
   aber zweckfrei
nicht nutzlos,
   aber nutzfrei
nicht ratlos,
   aber ratfrei