ans Ufer des Worts:
ob Sand Strand, ob Steil
Küste – das hängt vom Wort
ab, Tuff oder Muschel Kalk, See
Tang allerorten, auf! ans Ufer des
Worts! schiffs Wrack, Korallen riffs –
vokal, konsonant, laut: jedes Wort
eine Insel im Buchstaben Meer
Wort auf Wort: Poetologisches
Aussicht
weit hinter dem Mond,
bei Wolkenkuckucksheim,
dort steht er, seit Ewigkeit:
mein Elfenbeinturm
gern sitz ich an seinem Fenster und
schau hinaus, denn von dort hab ich
die beste Aussicht
aus dem Schneckenhaus gesprochen
Wort
um Wort
bau ich mich
um mich, in mich
gekehrt, verkriech ich
mich in mir
träg scheint euch mein zwittrig
Wort, verschraubt, verschroben:
ja, Zeit lässt sich mein Wort –
doch hinterlässt es
eine Spur
inspiriert durch den Band „Schnecken“ aus der wundervollen Reihe „Naturkunden“ beim Verlag Matthes & Seitz
dies scheinbar taumelnd Wort
winzig klein
und bedeutungslos
mag euch umsirren
umschwirren
mein Wort
unscheinbar
dies scheinbar taumelnd Wort
in Facetten bricht vieltausend
eure Stubenwelt: es irritiert
desillusioniert
interveniert
stört
dies ganz Andere ist
nie ganz das Andere:
unverstanden dennoch
ungenießbar trotzdem
unliebsam
und doch: es kann
fliegen
inspiriert durch den Band “Fliegen” aus der wundervollen Reihe “Naturkunden” beim Verlag Matthes & Seitz
Was ist schon normal? (3)
norm
norm
norm
enorm!
norm
norm
norm
Was ist schon normal? (2)
norm.
norm.
norm.
norm.
norm.
norm.
.form.
Was ist schon normal? (1)
norm
norm
norm
norm
normal?
norm
norm
die Biege
ich mach die Biege
heißt nicht:
ich beug mich
heißt nicht:
ich verbieg mich
heißt auch nicht:
ich buchte mich ein
gebeugt
verbogen
eingebuchtet
bin ich doch schon längst
ich mach die Biege
heißt: ich bieg mich
wieder gerade
aufrecht
frei
Oh, Leute – ich hab das “bücken” vergessen. Wie konnte das passieren?
Deshalb hier eine erweiterte Version:
ich mach die Biege
heißt nicht:
ich beug mich
heißt nicht:
ich verbieg mich
heißt nicht:
ich bück mich
heißt auch nicht:
ich buchte mich ein
gebeugt
verbogen
gebückt
eingebuchtet
bin ich doch schon längst
ich mach die Biege
heißt: ich bieg mich
wieder gerade
unbeugsam
aufrecht
frei
Struktur
Trennt. Mischt. Teilt. Formt.
Hält. Klärt. Prägt.
Prägt sich ein.
Engt ein. Dehnt aus.
Regt an. Fängt auf.
Lässt zu. Lässt sein.
Lässt sich ein.
Tarnt. Zeigt. Täuscht.
Gibt. Nimmt.
Schützt. Stüzt.
Schmückt.
Verrückt.
Zuerst ein Text. Schlicht. Dann eine Idee. Und viele Bilder. Über Jahre gesammelt:
-
- Berlin: Glasfenster der Gedächtniskirche
- Vancouver Island, Pacific Rim Parc: Strand im Nebel
- Mainz, Stadtpark: Pusteblume
- Longshen, China: Reisterassen
- Naturschutzgebiet Kühkopf: Schnecke an Halm
- Zwischen Dubai und Fujaira: Wüste
- Norwegen: Schneeberge
- Gyantse, Tibet: Gebetsmühlen
- Dorf auf Zypern: Mauerwerk
- Havelland, Glindower See: Wasseroberfläche
- Garten der Liebermann-Villa: Tau
- Vancouver Island, Strathcona: Lichtgitter im Wasser
- Zuhause: Webdecke aus dem Iran
- Lapone, Italien: Landschaft im Abendlicht
- Hamburg: Elbphilharmonie im Bau
- Schlosspark bei Malmö: Frosch im Seerosenteich
- Lapone, Italien: Blutmond
- Insel Rügen: Kreidefelsen, Detail
- Dachfenster: Regentropfen
- Dachfenster: Eiskristalle
- Pingyao, China: Stadtmauer
- Orvieto, Italien: Pfeiler am Domportal
- Itimad-ad-Doula, Indien: Ornament
- Druckladen Mainz: Setzkasten
(c) Lyrifant
nachts, tags
nachts hellwach
tags dunkelmüd
wachs nachthell
müds tagdunkel
hells nachtwach
dunkels tagmüd
nachts hellwach
tags dunkelmüd
Von der Krone
Das Kunstprojekt von Maria Deppe “Setz dem Ganzen eine Krone auf …” hat meinen lyrifantisch-lyrischen Widerspruchsgeist geweckt – und das hat sich lyrifantisch-lyrisch in dieser Kreation niedergeschlagen (graphisch-künstlerisch suboptimal, ich weiß – aber die Druckpatronen sind leer, dann druckt mein Drucker nicht mehr):
“setz dem Ganzen eine Krone auf”?
was ist euch denn
in die Krone gestiegen?
ja, es fiele mir kein Zacken
aus der Krone, gewiss,
aber ich bleib dabei:
keine Krone für die Krone!
lieber hab ich einen
in der Krone!
Bildnachweis für die verwendete Krone: https://publicdomainvectors.org/de/kostenlose-vektorgrafiken/Vereinfachte-Krone/82473.html
drinnen, draußen und draußen
drinnen:
die Welt steht Kopf –
nichts ist mehr,
wie es war
draußen:
die Welt steht still –
nichts ist mehr,
wie es war
und draußen:
die Welt dreht weiter sich –
und alles ist noch,
wie es war