gedichtweise
sing’ ich
gedichtweisen
bring’ ich
ins gedichtweiße
dring’ ich
gedichtweise
bin ich
gedichtweiß(was)
vielleicht
gedichtwaise
auch nur
Mit einfachen Worten
Gedichte lesen. Ein Weg in 7 Vokal-Schritten
Vor kurzem gab es auf der G13-Lyrik-Seite einen sehr schönen Beitrag mit dem Titel Gedichte lesen: 20 Strategien. Eine Anleitung für Ratlose (von Mark Yakich). Für Leserinnen und Leser, die das gern kürzer haben, habe ich hier jetzt noch eine Kurzanleitung gebastelt.
iiiiih – ein Gedicht! (die erste Abwehrreaktion von Unerfahrenen)
äh – ein Gedicht? (anfängliche Rat- und Hilflosigkeit)
uuh – ein Gedicht! (Einsicht in die eigene Überforderung)
öööh – ein Gedicht? (zweite Phase der Rat- und Hilflosigkeit)
eh – ein Gedicht! (überraschtes Erstaunen)
aaah – ein Gedicht! (anerkennendes Erstaunen und beginnende Erkenntnis)
oooooooh – ein Gedicht! (anhaltendes Entzücken)
Transparenz
Sprecht mir nicht von
Durchblick, nur
weil ihr durch
mich hindurch
seht. Durchsichtig
scheine ich euch,
doch habt ihr mich
noch lange nicht
durchschaut.
Dieses kleine Gedicht aus Nichts
Es schreibt in dein Herz eine Spur sanften Lichts:
dieses kleine Gedicht aus Nichts.
Doch greifst du nach ihm, dann zerbricht’s:
dieses zarte Gedicht aus Nichts.
Doch lässt du es schweben,
dann lässt’s dich zurück lächelnden Gesichts:
dieses leichte Gedicht aus Nichts.
Urlaubsmodus
nichts müssen
noch nicht einmal sollen
einfach nur dürfen
alles können
oder auch sein lassen
ganz wie ich mag
Berauschende Wetteraussichten
erst angeheitert, dann benebelt
schließlich sternhagelvoll
und am nächsten Tag
niedergeschlagen
sinnvoll sinnleer
im sinnlos
die sinnhaft
erkennen –
das ist wahre
sinnfreiheit
Widersprüchliche Modalitäten
ja nein
komm geh fort
voll leer hier
sind viele wohl krank
waren bloß zugedeckt
fahren halt
schon noch
eben steil
bis alles ganz kaputt
das ist vielleicht sicher
doch bestimmt ungewiss
zu nehmen und zu geben
sich vorzunehmen
nachzugeben
und hinzunehmen
herzugeben
auch mal zuzugeben
aufzugeben
sich zurückzunehmen
um sich hinzugeben
sich mit sich abzugeben
um sich anzunehmen
zu nehmen und zu geben
zu geben und zu nehmen
Dies ist übrigens das 500. Gedicht, das ich auf diesem Blog veröffentliche – ich kann es selbst kaum glauben.
Segen für 2017
zwei menschen in verbundenheit – das sollt ihr sein: mensch für mensch.
tausend augenblicke voller glück seien euch gegönnt: in jedem augenblick.
sieben heiße sommerwochen seien euch gewährt: einen sommer lang.
zehn träume lasst endlich wirklichkeit werden: traum um traum.
Meine Freundin Bärbel hat mir aus Metz ein kleines Büchlein mitgebracht: “vive la poésie. cahier d’activité”, ein Büchlein, das zum Dichten anregen soll (“nicht, dass du das nötig hättest”, betonte sie, als sie es mir gab). Das Akrostichon mit Wörtern (nicht mit Buchstaben) hatte es mir dann doch gleich angetan: die perfekte Form für einen kleinen Neujahrsgruß.
verkehrte welt
für Aleppo und die vielen anderen Orte des Grauens
die gebliebenen
beneiden die geflohenen
die geflohenen wünschen
geblieben zu sein
die verwundeten
beneiden die toten
die toten wünschen
nie geboren zu sein
die neugeborenen
beneiden die ungeborenen
die ungeborenen wünschen
nie geboren zu werden
die lebenden
beneidet niemand mehr
die sterbenden wünschen
nur noch tot zu sein
auf frieden hofft
hier niemand mehr
Der Satz in den Nachrichten “Die Verwundeten beneiden die Toten” hat mich aus meiner Sprachlosigkeit geholt.
Sichtweisen
keine Einsicht ohne Aussicht
unter Aufsicht keine Zuversicht
keine Ansicht ohne Absicht
in der Vorsicht weder Nachsicht noch Rücksicht
ohne Umsicht keine Übersicht
bei Fernsicht nicht unbedingt Weitsicht
bei Nahsicht nicht unbedingt Scharfsicht
bei Klarsicht nicht unbedingt Hellsicht
nach Durchsicht nicht zwangsläufig Durchblick