eins und eins ist zwei
nach Adam Rieses Rechnerei
die Liebe hat ein eignes Einmaleins:
da sind eins und eins gleich eins
doch geht die Liebe einst vorbei, gilt fix:
eins und eins macht null, heißt nix
Liebe und Exil
Insel
Du
bist für mich
eine Insel – nein:
meine Insel – nein:
die Insel per se –
nein: Insel –
nicht mehr, nicht weniger
das wunderbarste Wunder
so lange
kennen wir uns
jetzt schon:
und noch immer
bist Du für mich
das wunderbarste Wunder
Danke für 37 wunderbare Jahre!
das wahre Gesicht
in tiefer Trauer um Mohsen Shekari und die vielen anderen, die schon ihr Leben lassen mussten oder es noch lassen werden
das wahre Gesicht,
es überrascht sie nicht:
sie wissen, gegen wen
sie demonstrieren
wir demonstrieren:
wir wissen nicht, wie
vertraut sie uns sind,
die falschen Zungen und Hände
von Bedeutung
was immer von Bedeutung war, ist
plötzlich ohne jede Bedeutung, wenn
fehlt, was einzig von Bedeutung ist:
BEdEuTUNG
Einkehr
stille Tage
nur mit mir
ohne Dich
aber wo kehre ich
ein, wenn nicht
bei Dir?
Vollmond
voll Mond
mein Herz – und alles
um mich herum
mondvoll
Paarbildungsgrammatik
bin ich nur eine Derivation
von Dir?
oder bin ich eine Komposition
aus Dir und mir?
oder bin ich vielleicht eine Konversion
– und Du bist meine neue Syntax?
Abwägung
es ist gewiss nicht immer ganz leicht
mit mir
ohne mich
wäre es vielleicht doch etwas leichter
es ist gewiss nicht immer ganz leicht
mit Dir
ohne Dich
wäre es aber sicherlich noch viel schwerer
zum 22. Hochzeitstag ❤
Des Kürenbergers Falkenlied
„in Lyrifants wîse“ (wie es Davina nennen würde)
hab ‘nen Falken aufgezogen:
erst gehegt, dann gepflegt,
sehr verwöhnt, sehr verschönt –
trotzdem ist er mir entflogen
hab ihn später fliegen sehen:
sehr gehegt, sehr gepflegt,
mehr verwöhnt, mehr verschönt –
ach, mögen Liebende zusammen gehen!
Eher eine freie Nachdichtung denn eine Übersetzung, lautet der mittelhochdeutsche Text dann doch ein wenig anders:
Ich zôch mir einen valken mêre danne ein jâr.
dô ich in gezamete, als ich in wolte hân,
und ich im sîn gevidere mit golde wol bewant,
er huop sich ûf vil hôhe und vlouc in ándèriu lant.Sît sach ich den valken schône vliegen,
er vuorte an sînem vuoze sîdîne riemen,
und was im sîn gevidere alrôt guldîn.
got sende sî zesamene, die gelíeb wéllen gerne sîn!
nur
Du hast mir die Welt gezeigt –
nur: Deine Welt habe ich
nie gesehen
Du hast mich ins Leben geführt –
nur: Dein Leben habe ich
nie betreten
Du hast mir die Liebe entdeckt –
nur: meine Liebe magst Du
nicht finden
Afghanistan. Aporie des Helfens
ihnen dabei helfen, das Land
zu verlassen, heißt:
ihnen dabei helfen, weiter
zu leben
heißt aber leider auch:
ihnen dabei helfen, ins Exil
zu gehen – ist das nicht auch
eine Art Tod?
dennoch:
ihnen dabei helfen, dem Tod
(dem einen) zu entkommen, ist
das Mindeste, was wir tun müssen
das nahezu Unmögliche aber:
ihnen dabei helfen, den Tod
(den anderen) zu ertragen