tief geschnitten habe ich mich
an meinen Gedankensplittern
schief gewickelt liege ich nun
mit jeder Faser im Denkgezettel
woher all diese Scherben auf dem Holzweg?
bin doch nur ein Mensch: splitterfasernakt
Leben, Überleben
Phänomenologie des Geistes, neu gefasst
es ist schon ein Phänomen, wie wenig
Geist es braucht, um logisch zu erscheinen:
vernunftfreies Selbstbewusstsein
ohne Sinn und Verstand
scheint ausreichend
Zeitlyrik
wo Sicherheit
nicht einmal mehr Wörter geben können:
wo schlafen dann die Verse, wenn
selbst Reime zum Steilhang werden?
kein Satz taugt zum Geländer:
wir können nur noch
im freien Fall
dichten und
denken
Kritik der reinen Vernunft, neu gefasst
wo gar keine Vernunft mehr: dort ist
auch Kritik rein gar nicht erwünscht
Die Welt als Wille und Vorstellung, neu gefasst
die gegenwärtige Welt über-
steigt meine Vorstellung
bei weitem, und dabei unter-
läuft sie alles, was mensch
überhaupt so wollen kann
Kleines Schneegedicht
zum Jahreswechsel
über Nacht
hat es tatsächlich ein paar Wortflocken geschneit:
sie legen sich ganz still auf mein Winterherz
zu einem kleinen Schneegedicht –
auf dass ich nun bleib
über Tag (und Jahr)
ganz tief verschneit
Einen guten Jahreswechsel allerseits! 🥂
Kurzglückfragmente (35)
heute am frühen Morgen (es war schon hell)
ein verschlafener Blick aus dem Fenster:
hui, es schneit!
(und das Herz ist sofort wach)
November
an deine nasskalte Nebelschulter
lass mich meine Regentränen betten:
die graue Zeit ist doch stets Heimat mir
und dringt – ganz unverhofft – durchs Grau
zu mir dein goldblätterndes Lächeln:
so wird die lichte Zeit Versprechen
Novemberfarben
im Grau verschwimmen
Schwarz und Weiß –
und durch den Nebel schimmert
Hagebuttenrot
„Friedenskitsch“?
Nie hätte ich geglaubt, dass ich mich einmal tatsächlich öffentlich zu Kitsch bekennen müsste – doch ich in diesem einen Fall bleibt mir keine Wahl.
von seinem aufrechten „Friedenskitsch“
wünsche ich mir entschieden mehr
als von eurer verlogenen Kriegsromantik
nein, mein was auch immer geb ich euch nicht –
geb ich euch doch schon viel zu viel
mit meinem Wort
Sternengeburtstag
für Conny
spät nachts im Bett schon denken:
heute wärst Du 60 geworden …
morgens aufwachen und denken:
heute wärst Du 60 geworden …
mittags einer Kollegin erzählen:
heute wärst Du 60 geworden …
nachmittags beim Tee erneut inne werden:
heute wärst Du 60 geworden …
abends beim Essen daran erinnern:
heute wärst Du 60 geworden …
spätabends eine Kerze anzünden für Dich:
heute wärst Du 60 geworden …
… und denken:
Stern, Du – was sind schon 60 Jahre?
heute wirst Du täglich ewig!
retten

In seiner Form ist dieser Text inspiriert von „gedanken zerren“, dem Debüt-Gedichtband von Özlem Özgül Dündar, wobei ich die Form einerseits radikalisiert und andererseits aufgebrochen habe für eine Idee, die in mir gärte und die ich nun glaubte, mit diesem Format am besten umsetzen zu können. Das Potential dieser Form ist einfach klasse, weil diese gebrochene Sprache gleichzeitig so viel Ungesagtes mitschwingen lässt – eine echte Entdeckung!