Spätsommermorgen:
Sattes Gelb und klare Luft
künden den Frühherbst.
Lebensfarben
Versuch: Lyrische Landschaft
Auf der documenta 14 ist mir – neben einer Vorliebe für Topographien – der Trend aufgefallen, Bilder aus mehreren Einzelbildern wie ein Mosaik zusammenzusetzen. Das wollte ich jetzt mal ins Lyrische übersetzen: kleine Gedichte, die zusammen ein Gedicht ergeben. Und hier ist mein erster Versuch dazu.
| das leben zeichnet geheime zeichen unter meine haut |
mir neue wege in bewegung singen werd ich für mich |
alte landschaften in auge und ohr schreiben worte |
Sommers in Umbrien
Sommerhitze bettet sich aufs weiche Hügelland,
senkt ihren schweren Schlaf auf traubensatte Reben
im silbergrünen Schimmer der Olivenbäume.
Die gelben Feigen träumen still vom Reifen.
Sogar die Wespen hängen träge vom Gebälk,
und auf den alten Mauern ruhen die Eidechsen,
sonst flink, in ihrem mittäglichen Sonnenbad.
Müd fällt mein Blick auf die Zypresse: wie sie
– einsam – unbewegt da steht und wacht.
Wer hat Angst vor dem schwarzen Mann?
Ist schwarz seine Haut,
hab keine Angst.
Ist schwarz die Kapuz’,
kannst ruhig sein.
Ist aber schwarz die Uniform,
dann nimm dich in Acht.
Und ist schwarz seine Seele,
dann musst du dich wehrn.
Sommer-Haiku
Laue, blaue Nacht
auf den Augen meiner Haut:
ein Sommernachtstraum.
Winter-Haiku
Februarsonne
blinzelt durchs nackte Geäst:
eiswintermondbleich.
und staune!
schau
ins Blau
von Himmel und Meer
schau – und staune:
wie schön ist die Welt!
lausch
dem Plausch
von Wellen und Wind
schau, lausch – und staune:
wie leicht ist die Welt!
tauch
ein in den Bauch
von Leben und Glück
tauch ein – und saug auf
das Leben, das Glück:
schau, lausch – und staune!
Grau in Grau. Die bunte Welt der Grautöne
Eine Hommage an die Farbe Grau und an den Monat November, inspiriert von der Grau-Bunt-Bilder-Serie von Silvia Springorum, beginnend mit “Dem Grau die Farben entlocken“, das mich bereits zu einem anderen Gedicht inspiriert hatte, bis hin zu “Die Stille küssen” und “That’s the way the moon wanes“
Graut dir im Morgengrauen schon
vor dem Grau des Alltags,
dann schau
ins volle Grau
und erschau bewusst die
bunte Welt der Grautöne.
Grau – das ist nur Theorie!
Du wirst sehen: Es gibt viel mehr als
Dunkelgrau und Hellgrau.
Zwischen Aschgrau und Rauchgrau,
zwischen Steingrau und Betongrau,
ja, zwischen Anthrazit und Schiefergrau
liegen unendlich viele Grauzonen.
Das Frühgrau des nebelgrauen Morgens
erinnert dich kaum noch an
das Spätgrau des regengrauen Abends davor.
Das Sonnengrau hebt sich
von Himmelgrau und Wolkengrau
ganz deutlich ab.
Und auch das Mondgrau ist
weitaus mehr als nur
ein Silbergrau über einem
Feld-, Wald- und Wiesengrau.
Graue Literatur
vom grauen Markt,
graue Kunst
aus grauer Vorzeit
sind alles andere als
Graubrot.
Nicht einmal bei Nacht sind
alle Katzen grau,
keine graue Katze gleicht der anderen:
die eine mausgrau, die andere rattengrau,
diese elefantengrau, jene flusspferdgrau,
diese taubengrau, jene nebelkrähengrau,
– eine sogar auch graupapageiengrau –
diese bibergrau, jene ottergrau,
diese delfingrau, jene walgrau,
eine igelgrau, eine kaninchengrau,
eine eselsgrau, eine wolfsgrau, eine bärengrau.
O, wie bunt ist Grau!
Dem Grau die Farben entlocken
Dieses Gedicht ist inspiriert von dem wundervollen Bild von Silvia Springorum “Dem Grau die Farben entlocken“.
Dem Grau die Farben entlocken.
Dem Dunkel das Licht entspinnen.
Dem Kalt die Wärme entwinden.
Der Stille das Wort abringen.
Der Angst die Hoffnung abtrotzen.
Think pink
Setz dir die rosa Brille auf
und denk dir deine Welt
von prosarot bis weinchenrosa
und lass deine Sorgen
einfach mal
altrosé aussehen.
Gedicht zum Freitag, den 13.
Per aspera ad astra
pechschwarz
pechschwarz
dunkelgrau
dunkelgrau
dulhellgrau
iiixlichtgrau
xxilicht
Mein Blaues Lied
für Ahmad Schamlu, eine Art Antwort
Mit meinem Blau
male ich Sterne
in das Blaue vom Himmel.
Mit meinem Blau
schreibe ich ins Blaue.
Ein Meer von blauen Gedanken.
Die Farbe
der Tinte ist königsblau.
Das Blau war außer sich vor Freude
Als wir geboren wurden.
O Blau der Welt!
Der blaue Vogel deines Auges
sucht noch immer die Blaue Blume.
Ein blauer Augenblick ist nun mehr Seele.
O Blau der Welt!
Der blaue Vogel deines Auges
sucht noch immer das blaue Wunder.
Ein blauer Tag. Blaue Stunde:
Mein blaues Klavier
spielt mein Blaues Lied.
Mir ist in solchen linden blauen Tagen,
als ob wir
mit einem blauen Auge
plötzlich sehen
daß Jahre später
Heimat bedeutet
ein schimmerndes Blau.
Dieses Gedicht ist eine Collage aus Texten von
- Rose Ausländer, Verwandelt
- Heinrich Heine, Mit deinen blauen Augen
- Rolf Dieter Brinkmann, Von der Gegenständlichkeit eines Gedichts
- Elisabeth Borchers, Nerudas Blau
- Paul Celan, O Blau der Welt
- Yvan Goll, Der blaue Vogel deines Auges
- Novalis, Die blaue Blume
- Ernst Trakl, Kindheit
- Hilde Domin, Ein blauer Tag
- Stefan George, Blaue Stunde
- Else Lasker-Schüler, Mein blaues Klavier
- Joseph von Eichendorff, Was wollen mir vertraun die blauen Weiten
- Ahmad Schamlu, Blaues Lied
Bis auf Novalis und Ahmad Shamlu sind alle Gedichte zu finden in: Blaue Gedichte. Hrsg. von Gabriele Sander. Stuttgart 2001, 2012. (Reclams Universal-Bibliothek 18925). Novalis’ ‘Die blaue Blume’ ist Teil seines Romanfragmentes ‘Heinrich von Ofterdingen’. Ahmad Schamlus Gedicht ‘Blaues Lied’ findet man in dem gleichnamigen zweisprachigen Gedichtband, übersetzt von Farhad Showghi.