Ein Traumbild

Seifenblasen im Kopf.
Zuckerwatte im Bauch.
Himbeerbrause auf der Zunge.
Ich knüpfe mir ein Kleid aus Gänseblümchen und
spiele mit den Murmeln vor dem Zelt aus Wolldecken.
Sehnsüchtig blicke ich den Pferdchen nach,
wie sie schweben auf dem alten Karussell,
das sich in meinem Herzen dreht.
Noch warte ich
auf die Zeit der Wunderkerzen.

Das Kind im Brunnen

Das Kind
liegt im Brunnen.
Man hat den Brunnen
einst trockengelegt.
Das Kind ist nicht
ertrunken, es ist
verdurstet.

Das Kind
liegt im Brunnen.
Man hat den Brunnen
einst vergiftet.
Das Kind ist nicht
entschlafen, es ist
verendet.

Das Kind
liegt im Brunnen.
Das Kind ist so lange
zum Brunnen gegangen,
bis es – zerbrochen –
hineingefallen ist.

Funkstille

Endlich Stille.
Funkstille.
Funkenstille.

Endlich vorbei der
Funkenflug.
Endlich vorbei der
Funkenregen.
Endlich vorbei der
Funkenhagel.

Endlich nicht mehr im
Funkensturm.
Endlich im
Funkschatten.

Kein Funke sprang
über. Trotzdem
brannte es
überall.

Von meinem Funkturm
funkte ich
Funkzeichen,
Funkspruch über Funkspruch.
Doch wir funkten
auf verschiedenen Funkwellen.

Nur eine Funzel
bringt jetzt noch Licht
in die funkelnde Stille.
Endlich Stille.
Funkstille.

Und in mir wieder
ein Funken Leben.

geschrieben nach der Lektüre der Bücher “Funkstille. Wenn Menschen den Kontakt abbrechen” und “Der Sturm vor der Stille. Warum Menschen den Kontakt abbrechen” von Tina Soliman, die mir gerade sehr helfen, den späten, aber wohl unumgänglichen Kontaktabbruch zu meinen Eltern zu verarbeiten

Metamorphosen

Wem man
die Flügel stutzt,
kann nicht mehr
fliegen.
So lernte ich laufen.

Wem man
die Wurzeln abhackt,
kann nicht mehr
wachsen.
So lernte ich klettern.

Wem man
die Luft abschnürt,
kann nicht mehr
atmen.
So lernte ich tauchen.

Wem man
die Augen aussticht,
kann nicht mehr
sehen.
So lernte ich fühlen.

Wem man
die Hände bindet,
kann nicht mehr
greifen.
So lernte ich denken.

Wem man
das Maul stopft,
kann nicht mehr
sprechen.
So lernte ich schreiben.

Wem man
die Liebe versagt,
kann nicht
leben.
So lernte ich lieben.

verloren

verloren habe ich
das Spiel
die Schlacht
den Krieg

verloren habe ich
den Mut
den Glauben
die Hoffnung

verloren habe ich
den Überblick
das Gleichgewicht
die Fassung

verloren habe ich
die Spur
den Faden
die Orientierung

verloren habe ich
das Gesicht
den Kopf
den Verstand
den Atem

verloren habe ich
den Boden
unter den Füßen

verloren habe ich
mich

verloren bin ich

 

Adieu!

Das böse Kind
sagt euch Adieu,
weil ihr
das Gute in ihm
nicht sehen wolltet.

Das ungehorsame Kind
sagt euch Adieu,
weil ihr
seine Liebe und Treue zu euch
nicht wahrhaben wolltet.

Das undankbare Kind
sagt euch Adieu,
weil ihr
seine Dankbarkeit
nicht annehmen wolltet.

Das missratene Kind
sagt euch Adieu,
weil ihr
das, was ihm gelungen ist,
nicht wertschätzen wolltet.

Euer Kind
sagt euch Adieu,
weil ihr
dieses Kind
nicht haben wolltet.

 

Halbschattenkinderkind

Ich bin nicht nur ein
Halbschattenkind,
ich bin auch ein
Halbschattenkinderkind.

Im Schatten
des stets bevorzugten
erstgeborenen Bruders
der Vater.

Im Schatten
des früh verstorbenen,
weil kriegsversehrten Vaters
die Mutter.

Im Licht
einer ungleich geteilten Liebe
der Vater.

Im Licht
einer lieblosen Liebe
die Mutter.

Halbschattenkinder
also auch Ihr,
geliebte Eltern.

Tretet endlich in die Sonne,
tretet ins volle Licht
meiner verzeihenden Liebe.

Halbschattenkind

Es gab kein
Sonnenkind,
in dessen
Schatten ich stand.

Ich wurde nicht
versteckt,
weil es mich
nicht hätte geben dürfen,
aber auch nicht
ins volle Licht gestellt,
wohl weil ich kein
Wunschkind war.

Ich war kein
Ersatzteillager
für Organe,
nur eine
Ersatzlebenhalde
für unerfüllte Träume.

Ich stand im
Schatten
eines Wunschbildes,
dem ähnlich zu werden
unmöglich war.

Ich stand im
Licht
einer Liebe des Wenn,
einer Liebe des Aber,
einer Liebe des Allerdings.

Ich bin ein
Halbschattenkind.

Stell mich in die Sonne,
Liebster,
ins pralle Licht
Deiner unbedingten Liebe!