Die Angst
nagt neckisch
an meinem Nacken,
nuckelt voller Nücken
an den Nocken
meines Genicks.
Sie neigt den Kopf
und nickt mir zu.
Ja, sie vernascht mich –
nackt,
wie ich bin,
nackt,
wie sie ist.
Dem Leben die Stirn
Mit dem Rücken
zu der Welt,
die Du zurück
lassen musstest und
in die Du vielleicht
nie wieder zurück
kehren wirst,
bietest Du
der Welt die Stirn,
die Dich am liebsten zurück
schicken will, aber
aus der Du vielleicht
nie wieder zurück
kommen wirst.
Mit dem Herzen
noch immer
in der Welt,
die Dir am Herzen lag und
die Dir nun
in ihrer Ferne
das Herz bricht,
stößt Du Dir den Kopf
an der Welt,
die mir am Herzen liegt und
die Dir nun
in ihrer Nähe
das Herz bricht.
Zwischen
Dort und Hier
hast Du Dich verloren:
ein Bein, ein Ohr
im Dort,
ein Bein, ein Ohr
im Hier.
Mit dem Rücken
zu den Träumen,
für die Du gelebt hast,
bietest Du
dem Leben die Stirn,
das kein Traum mehr ist.
Mit dem Herzen
noch immer
in dem Leben,
das Dein Traum war,
stößt Du Dir
den Kopf
an meinen Träumen,
die nun Dein Leben sind.
Zwischen
Einst und Jetzt
verliere ich Dich:
ein Auge, eine Hand
im Einst,
ein Auge, eine Hand
im Jetzt.
In zwei Sprachen
Obgleich wir
in der gleichen Sprache
miteinander sprechen,
sprechen wir nicht
die gleiche Sprache.
Wir sprechen zwar beide
in meiner Sprache, aber
Du sprichst mit mir
Deine Sprache
in meiner Sprache, und
ich spreche mit Dir
meine Sprache
in meiner Sprache.
Es würde nicht helfen,
sprächen wir miteinander
in Deiner Sprache, denn
Du sprächest mit mir
Deine Sprache
in Deiner Sprache, und
ich spräche mit Dir
meine Sprache
in Deiner Sprache.
Ich könnte genauso gut
mit Dir
meine Sprache
in meiner Sprache sprechen,
während Du
mit mir
Deine Sprache
in Deiner Sprache sprichst.
Ist damit das letzte Wort
gesprochen?
Das letzte Wort
in Deiner Sprache wie
in meiner Sprache?
Das letzte Wort
Deiner und
meiner Sprache?
Kein Gedicht
für Hermann K.
Ich dichte,
dachte ich.
Doch ich dichtete,
damit ich dachte.
Ich dichtete
mit Bedacht,
damit Gedachtes und Erdachtes
ein Dach bekäme,
ein dichtes Dach.
Dächte ich nach,
ich dichtete
dem Dich, dem Ich
zum Gedächtnis.
Ein Verdacht
verdichtet sich:
“Das ist doch kein Gedicht!”
Zwischen den Welten
Ein Zwischenweltbürger
bist Du,
aber es gibt
kein Bürgerrecht
zwischen den Welten.
Der Tod der Wahrheit
Das erste Opfer
eines jeden Krieges
– so sagt man –
ist die Wahrheit.
Manche sagen auch:
Die Wahrheit stirbt immer
schon vor jedem Krieg.
Ich frage mich, ob es
ohne den Tod der Wahrheit
überhaupt einen Krieg gäbe.
Denn wer den Krieg will,
muss die Wahrheit töten.
Der Tod der Wahrheit
ist kein Kollateralschaden.
Der Tod der Wahrheit
ist auch keine unvermeidliche Folge
von Kriegsvorbereitungen.
Der Tod der Wahrheit
ist die unabdingbare Bedingung
eines jeden Krieges.
Insofern ist die Wahrheit
nicht das erste Opfer des Krieges, sondern
der eigentliche Feind des Krieges.
Denn die Wahrheit ist
der Tod eines jeden Krieges –
nein, die Wahrheit wäre
der Tod eines jeden Krieges,
hätte man sie nicht
um des Krieges willen
schon lange getötet.
Lontano
unter dem Eindruck von György Ligetis Klangteppich „Lontano für großes Orchester“ (1967)
Die Weite des Klangs
verliert sich in
der Weite des Klangs
lang und weit
Die Tiefe des Klangs
verliert sich in
der Tiefe des Klangs
weit und tief
Die Trübe des Klangs
verliert sich in
der Trübe des Klangs
tief und trüb
Die Fülle des Klangs
verliert sich in
der Fülle des Klangs
trüb und voll
Die Dichte des Klangs
verliert sich in
der Dichte des Klangs
voll und dicht
Die Ferne des Klangs
verliert sich in
der Ferne des Klangs
dicht und fern
fern
fern
Keine Geschmackssache
Scharfsinn und Bitterschokolade
gehören zum Leben wie
Süßwasser und Sauerstoff.
Schreiben aus Liebe
Ich schreibe über Dich und mich.
Ich schreibe mich an Dich.
Ich schreibe mich zu Dir.
Ich schreibe mich auf Dich.
Ich schreibe mich Dir unter die Haut.
Ich schreibe mich ein in Dich.
Ich schreibe mich aus in Dir.
Ich beschreibe mich mit Dir.
Ich umschreibe mich mit Dir.
Ich erschreibe mich mit Dir.
Ich überschreibe mich Dir.
Ich schreibe mich Dir zu.
Ich verschreibe mich Dir.
Ich verschreibe Dich mir.
Ich schreibe mich ab ohne Dich.
Ich schreibe mich ab von Dir.
Ich überschreibe mich mit Dir.
Ich zerschreibe mich für Dich.
Ich schreibe mich um durch Dich.
Ich unterschreibe Dich mit mir.
Schreiben und Lesen
Ich schreibe
mich ein
in die Gedichte, die
ich lese.
Ich lese
mich auf
in den Gedichten, die
ich schreibe.
Selbstporträt
alles im Blick
nichts im Griff
immer nur Unsinn im Sinn
Dichterworte
Wer dichtet, ist ein Wortungeheuer,
das in Wörtern
nach Worten taucht.
Wer dichtet, ist ein Wortsammler,
der zwischen Wortfetzen und
treibendem Wortgut
manch Wortschatz entdeckt.
Wer dichtet, ist ein Wortkenner,
der – das Ohr am Wortlaut –
von jeder Wortart
ein Wörtchen zu sagen weiß.
Wer dichtet, ist ein Wortspieler,
der neue Wörter
aus dem Wortschwall schöpft,
der Phrasen
auf dem Wortfeld drischt,
der Sprüche
im Wortbruch klopft.
Wer dichtet, ist ein Wortführer,
der den Wortreichen
ihr großes Wort abschneidet
den Wortmächtigen
das Wort aus dem Mund nimmt
und den Wortlosen
das letzte Wort gibt.
Wer dichtet, ist ein Wortverdreher,
der um Wort und Antwort,
um Spruch und Zuspruch,
um Rede und Gegenrede
nie verlegen ist und
der das Wort ergreift,
um dem Wort das Wort zu reden.
Wer dichtet, ist ein Wortklauber,
der jedes Wort auf die Goldwaage legt,
und sich selbst das Wort im Mund umdreht,
der ins Wort fällt,
der im Wort steht,
der sein Wort hält.
Wer dichtet, den kannst du
beim Wort nehmen, denn
wer dichtet, lässt kein Wort fallen,
wer dichtet, verliert kein Wort.
Wer dichtet, ist ein Wortkünstler,
der dir sein Wort gibt,
weil ihm die Worte fehlen.