(Pessimistische Variante)
Gut die Hälfte meines Lebens
habe ich geduldig auf das Leben
gewartet.
Bleibt mir nun noch gut eine Hälfte,
um ebenso geduldig auf den Tod
zu warten.
(Pessimistische Variante)
Gut die Hälfte meines Lebens
habe ich geduldig auf das Leben
gewartet.
Bleibt mir nun noch gut eine Hälfte,
um ebenso geduldig auf den Tod
zu warten.
Lyrifants Adventskalender 2023 Türchen 5
Wann hat der Dezember den Zauber verloren,
der uns aus der Kindheit so lieb und vertraut?
Wann sind uns die Herzen und Augen erfroren,
mit denen wir Wunder auf Wunder geschaut?
Wohin sind die Freuden des Winters verschwunden:
das Schneeflockenglück und der Eisblumentraum?
Wohin ist der Duft, dem wir so verbunden,
von Bienenwachskerzen und Tannenbaum?
Wohin ist im Herzen die Wärme der Lichter,
die Stille am See und der Friede im Wald?
Wohin sind die strahlend verzückten Gesichter,
wenn läutet des Christkindes Glöckchen schon bald?
Wann haben wir Eile statt Ruhe erkoren?
Wann ließen wir zu, dass die Zeit so verrinnt?
Wann hat der Dezember den Zauber verloren?
Jemals mehr wieder ihn niemand gewinnt.
Dieses Gedicht wurde (als vorletzter Beitrag) gesendet beim hr2-Lyrikfrühstück zum 4. Advent am 18. Dezember 2016; auf die Homepage der ausgewählten Beiträge hat mein Text es allerdings leider nicht geschafft.
Lyrifants Adventskalender 2023 Türchen 3
zum 1. Advent
Advent, Advent,
die Welt, sie brennt:
da Krieg, da Flucht,
dort Mord, hier Gier –
und noch kein Ende vor der Tür.
Eine Hommage an die Farbe Grau und an den Monat November, inspiriert von der Grau-Bunt-Bilder-Serie von Silvia Springorum, beginnend mit “Dem Grau die Farben entlocken“, das mich bereits zu einem anderen Gedicht inspiriert hatte, bis hin zu “Die Stille küssen” und “That’s the way the moon wanes“
Graut dir im Morgengrauen schon
vor dem Grau des Alltags,
dann schau
ins volle Grau
und erschau bewusst die
bunte Welt der Grautöne.
Grau – das ist nur Theorie!
Du wirst sehen: Es gibt viel mehr als
Dunkelgrau und Hellgrau.
Zwischen Aschgrau und Rauchgrau,
zwischen Steingrau und Betongrau,
ja, zwischen Anthrazit und Schiefergrau
liegen unendlich viele Grauzonen.
Das Frühgrau des nebelgrauen Morgens
erinnert dich kaum noch an
das Spätgrau des regengrauen Abends davor.
Das Sonnengrau hebt sich
von Himmelgrau und Wolkengrau
ganz deutlich ab.
Und auch das Mondgrau ist
weitaus mehr als nur
ein Silbergrau über einem
Feld-, Wald- und Wiesengrau.
Graue Literatur
vom grauen Markt,
graue Kunst
aus grauer Vorzeit
sind alles andere als
Graubrot.
Nicht einmal bei Nacht sind
alle Katzen grau,
keine graue Katze gleicht der anderen:
die eine mausgrau, die andere rattengrau,
diese elefantengrau, jene flusspferdgrau,
diese taubengrau, jene nebelkrähengrau,
– eine sogar auch graupapageiengrau –
diese bibergrau, jene ottergrau,
diese delfingrau, jene walgrau,
eine igelgrau, eine kaninchengrau,
eine eselsgrau, eine wolfsgrau, eine bärengrau.
O, wie bunt ist Grau!
Krieg
als Antwort auf
Terror
wird
Terror und Krieg
zur Antwort haben.
Das steht
außer Frage.
– Eine Variation zu “Schwere Tage, schwere Nächte” –
Schwer
lastet die Nacht
noch auf dem Morgen,
doch schon
hastet der Tag
dem Abend entgegen –
scheinbar leicht.
– Eine (schwere) Variation zu “Leichte und schwere Tage” –
Ein schwerer Tag
wird leichter
bei dunkler Nacht.
Eine schwere Nacht
wird leichter
bei hellem Tag.
– Eine (leichte) Variation zu “Leichte Tage” und “Schwere Tage” –
Nimm die
schweren Tage
leichter
und gib den
leichten Tagen
mehr Gewicht.
– Eine Variation zu “Schwere Tage” –
Verheißt schon der frühe Morgen
einen leichten Tag,
erwärmt noch der späte Abend
eine schwere Nacht.
Manchmal ist früh morgens
der Tag schon so schwer,
dass bis spät abends
die Nacht in mir bleibt.
Dieses Gedicht ist inspiriert von dem wundervollen Bild von Silvia Springorum “Dem Grau die Farben entlocken“.
Dem Grau die Farben entlocken.
Dem Dunkel das Licht entspinnen.
Dem Kalt die Wärme entwinden.
Der Stille das Wort abringen.
Der Angst die Hoffnung abtrotzen.
Irgendwo, ein Freitag, der 13.
verschlafen
Kaffeemaschine kaputt
Bus verpasst
Unterlagen vergessen
Kantine zu
Sitzung auf Sitzung abgesessen
Computer abgestürzt
Feierabend weg
mit dem Bus im Stau
Schlüssel verloren
keiner zuhause
Paris, Freitag, der 13. November 2015
früh aufgestanden
mit Elan gearbeitet
gut zu Mittag gegessen
nachmittags frei genommen
ein neues Kleid gekauft
abends ausgegangen
tot