Persische Klänge

Mein Hals,
zurückgebogen
wie der Hals der Ud,
von Dir berührt
im warmen Schimmer ihres seidigen Klangs.

Mein Mund,
leicht geöffnet
wie der Mund der Ney,
von Dir geküsst
unter dem klaren Himmel ihrer Klage.

Meine Brüste,
aufwogend
wie die Brüste der Tar,
von Dir gestreichelt
in der glitzernden Nacht ihres Geflüsters.

Mein Herz,
klopfend
wie das Herz der Tombak,
von Dir angeschlagen
im pochenden Rhythmus des Liebesscheins.

Meine Lenden,
weit ausladend
wie die Lenden der Saz,
von Dir umfangen
im Licht ihres murmelnden Gebets.

Mein Nabel,
klein und rund,
wie der Nabel der Kamanche,
von Deinem Bogen gekitzelt
im blitzenden Glanz des Tanzes.

Meine Haut,
gespannt
wie die Haut der Daf,
von Dir zum Schwingen gebracht
im strahlenden Takt des glänzenden Mondlichts.

Mein Schoß,
offen,
wie der Schoß der Santur,
von Dir bespielt
tauchen wir ein
in den flimmernden See
der persischen Klänge.

Spätes Wiegenlied

Du bringst uns noch ins Grab,
sagt der Vater.

Vatermörderin,
flüstert die Nachbarin.

Du bringst uns noch ins Grab,
sagt die Mutter.

Muttermörderin,
flüstert der Nachbar.

Vater, hast längst ins Grab mich bracht –
Mutter, hast dem Vater gholfen,
singt das Kind.

Mutter, hast längst ins Grab mich bracht –
Vater, hast der Mutter gholfen,
singt das Kind

das dem Kindbett nie entwuchs und
blieb im Sarg aus Gitterstäben.

Was will ich mehr?

Du baust Nester
aus Mondschnee
und legst sie aus mit Kissen
aus Sternensilber.

Du knüpfst Teppiche
aus Lachperlen
und zauberst Geschichten
aus Sonnengold
mit Worten
aus Kristallblumen.

Du sammelst Steine
aus Lichtwolle
für mich, bunt und voller Töne
und schenkst mir einen Palast
aus Freudenstrahlen
und Liebesfeuer.

Was will ich mehr?

Worte

Worte
sind Orte
zum Verstecken von Sinn und Unsinn.

Worte
sind Horte
voller Kraft und Energie.

Worte
sind Porte
der Zuflucht.

Worte
sind Borte
für Trauer- und Freudenfeiern.

Worte
sind Torte
für die Seele.

Worte
sind Pforte
zu einer eigenen Welt.

Heimöde

Ein Heim? Vielleicht,
aber keine Heimat.

Ein Zuhause? Vielleicht,
aber kein Nach-Hause-Kommen.

Eine Zuflucht? Vielleicht,
aber kein Fluchtpunkt für das eigene Leben.

Ein Nest? Wohl kaum –
eher ein Ast, ein Zweig zum Festhalten.

Eine Burg? Nur bedingt,
denn sie vermag der Sehnsucht nicht zu trotzen.

Ein Heim? Vielleicht,
aber keine Heimat,
vielmehr: eine Heimöde.

Ein Unterschlupf? Gewiss,
ein Unterschlupf in meinem Herzen
ein Obdach bei Nacht, bei Unwetter ein Unterstand –
mehr als Asyl,
weniger als Heimat.

Zuhause

Zuhause ist, wo Du Dein Zelt aufschlägst.
Und trotzdem
wirst Du Dich immer nach Deinem Elternhaus sehnen.

Zuhause ist, wo Du der Natur nahe bist.
Und trotzdem
wirst Du Dich immer nach den Bergen und Bäumen Deiner Kindheit sehnen.

Zuhause ist, wo Freunde sind.
Und trotzdem
wirst Du Dich immer nach den Spielgefährten Deiner Jugend sehnen.

Zuhause ist, wo Du und ich zusammen sind.
Und trotzdem
wirst Du Dich immer nach Deiner Familie sehnen.

Zuhause ist
sowohl Zuhause als auch Ersatz-Zuhause,
sowohl Zuhause als auch Schein-Zuhause,
sowohl Zuhause als auch Nicht-Zuhause.

Dein Heimweh

WISSEN um Dein Heimweh:
Das habe ich voll und ganz.

Dein Heimweh VERSTEHEN:
Das kann ich nur in Ansätzen.

Dein Heimweh ERFASSEN:
Das geht nur in Form einer Ahnung.

Dein Heimweh NACHFÜHLEN:
Das kann ich nur versuchen.

Dein Heimweh MITFÜHLEN:
Das will ich – mit allen Sinnen.

Dein Heimweh LINDERN:
Das würde ich so gerne tun, aber ich fürchte,
das ist unmöglich.

Stubenvogel

Hinausgewagt
mit Trippelschritten,
kurzer Probeflug
auf den ersten Baum
vor dem Fenster.
Herzklopfender Innehalt
und Blick zurück
in die warme Stube:
Zu aber ist schon die Käfigtür –
Rückkehr unerwünscht!
Weiter also
– zögere nicht!
Folge den Raben
und erprobe
wie weit die Schwingen tragen,
die gestutzten.
Notfalls allein
von Ast zu Ast.
Blick ins Offene,
himmelwärts.

Amokfarben

Man schlägt ihn seelisch grün und blau.
Mit verquollenem Seelenauge sieht er die Welt nur grau
und malt alles schwarz,
was nur weiß übertüncht war.
Dann sieht er nur noch rot.

Nach dem Schuss
ist die Welt wieder bunt.

Lebensfarben

Die Farben der Kindheit

Der Himmel ist himmelblau,
grasgrün ist das Gras.
Die Erde ist erdbraun,
sonnengelb ist die Sonne.
Der Schnee ist schneeweiß,
rosenrot ist die Rose.
Der Wolf ist wolfsgrau,
rabenschwarz ist der Rabe.

Die Farben der Jugend

Rosarot leuchtet der Himmel,’
dunkelrot  duftet das Gras.
Samtrot schimmert die Erde,
glutrot neigt sich die Sonne.
Blutrot glänzt der Schnee,
mundrot blüht die Rose.
Der Wolf ist ein Fuchs,
der Rabe fortgeflogen.

Die Farben der Reife

Der Himmel ist azurblau
wie frisch erblühter Rittersporn zwischen den goldenen Ähren des Feldes,
zartgrün wie die eben den Knospen entsprungenen Blätter der Linde
ist das Gras.
Die Erde ist rotbraun,
wie Holz vom frisch gefällten Baum kurz nach dem Anschnitt,
goldgelb wie frisch geerntete Mirabellen vom Baum in Nachbars Garten
ist die Sonne.
Der Schnee ist eierschalenweiß
wie ein unbeschriebenes Blatt Papier vor dem ersten Wort,
dunkelrot wie eine pralle Kirsche nach einem sonnigen Sommer
ist die Rose.
Der Wolf ist dunkelgrau
wie indische Elefanten am Morgen nach ihrem ersten Bad,
kohlschwarz wie  schwitzender Teer in der Sommerhitze
ist der Rabe.

Die Farben des Alters

Der Himmel grau,
das Gras braun.
Die Erde schwarz,
die Sonne fahl.
Der Schnee gelb,
die Rose weiß.
Der Wolf ist tot,
vom Raben beweint.

Die Farben des Todes

Pechschwarz ist der Himmel,
schwarz wie Lakritze das Gras.
Lavaschwarz ist die Erde,
schwarz wie die Nacht die Sonne.
Ebenholzschwarz ist der Schnee,
schwarz wie Holunder die Rose.
Kohlrabenschwarz ist der Wolf,
schwarz wie ein Panther der Rabe.