Einladung

Schau
auf einen Augenblick
tief in mich hinein.

Lausch
auf einen Ohrenspitz
dem Klopfen meines Herzens.

Schnupper
mit kurzem Nasenrümpf
den Duft meiner Haut.

Koste
um einen Zungenschmeck
meine Seele in meinem Körper.

Fühl
nur für einen Hautspür
den Puls meiner Liebe.

Kindheitsmuster

Du musst noch –
Du sollst doch nicht immer –
Du darfst auf keinen Fall –
Du kannst doch nicht –

Sei still –
Bleib schön brav –
Jetzt reiß dich mal zusammen –
Spiel dich doch nicht immer so auf –

Kannst du nicht hören?
Kannst du nicht besser aufpassen?
Hast du schon wieder?

Stell dich nicht so an!
Wenn du nicht -,
kommst du ins Internat!

Solange du deine Füße
unter unseren Tisch –
Wer zahlt, schafft an.

Aber ich will doch nur –
Kann ich nicht?
Darf ich nicht auch einmal?

Nein.

Vater hat Recht.
Mutter hat Recht.
Das Kind gehorcht.

Die eigene Sprache finden

Es ist gar nicht so leicht,
die eigene Sprache zu finden,
in Schall und Rauch
von Jedermanns Senf,
zwischen Werbespott und Newsbrache,
in der Dichter heiligem Wörtersee,
zwischen Slam-Schlamm
und Slang-Klang,
im Matsch von Klatsch und Tratsch,
unter all dem alltäglichen
Wortmünzengeklingel,
zwischen Comedy-Gegacker
und abgeschlagenen Herz-Schmerz-Reimen,
dem Gequake von Zeitungsenten
und all dem intellektuellen Geifer
der Experten und Kritiker,
jenseits der Geschwätzigkeit der Prediger,
im Sumpf von Suff und Puff,
zwischen Mail-Trash
und Politphrase,
akademischen Pfauengeschrei
und intrigantem Schlangengezisch,
im Morast von abgedroschenen
Redewendungen und Sprichwörtern,
in Schutt und Asche
unserer verbrauchten Sprache.

Doch vielleicht
ist es auch gar nicht so schwer:
Warum nennst du nicht einfach
schön, was schön ist,
und gut, was gut ist?
Warum soll nicht
oben oben heißen
und unten unten?
Und warum sagst du nicht einfach
gerecht zu dem, was gerecht ist,
und ungerecht zu dem, was ungerecht ist?

Die eigene Sprache finden,
hieße dann,
den aufrechten Gang im Wort
zu üben.

Bliebe dann nur noch
das Problem,
was schön, was gut ist,
wo oben, wo unten ist,
was gerecht, was ungerecht ist.

Aber das ist
ein Problem
jenseits der Sprache.

Missverständnisse

Ich wollte nur
eine Grenze ziehen.

Da habt Ihr mich
ganz Eures Reiches verwiesen.

Ich wollte nur
meinen eigenen Platz finden.

Da habt Ihr mich
aus meiner Heimstatt verbannt.

Ich wollte nur
mit Euch neue Wege gehen.

Da habt Ihr mir
den Weg zu Euch zurück abgeschnitten.

Aus den Federn

Mit spitzer Feder
Lügen
zum Platzen bringen –
ohne viel Federlesens.

Mit einem Federstrich
Einsicht
zum Schweben bringen –
federleicht.

Auch wenn du Federn lassen musst,
um Feder führend zu sein:
Greif zur Feder!

Denn in ihrem Federbett
schlummernd
taugen deine Worte nicht.
Hilf ihnen

aus den Federn
und lass
den Luftballon der Poesie
in den Himmel steigen.