Februarsonne
blinzelt durchs nackte Geäst:
eiswintermondbleich.
Autor: Lyrifant
Zwischenruf
Von was für einer Art oder Unart
muss der sein, der für Kunst
noch immer und offenbar
ungebrochen selbstverständlich
das böse Wort „entartet“
im Munde führt?
Das ist doch keine Art!
Berauschende Wetteraussichten
erst angeheitert, dann benebelt
schließlich sternhagelvoll
und am nächsten Tag
niedergeschlagen
Auf dem Trockenen
Sitze gerade auf dem Trockenen
und wünsche mir nichts mehr
als meine Schäfchen endlich ins
Trockene zu bringen oder sie
wenigstens in trockene Tücher
zu packen. Doch die Tücher sind nass.
Und meine Schäfchen stehen im Regen.
Ein Schnaps wäre jetzt recht.
sinnvoll sinnleer
im sinnlos
die sinnhaft
erkennen –
das ist wahre
sinnfreiheit
Der Sinn des Lebens
Du irrst,
wenn du denkst, du kannst
den Sinn des Lebens finden,
wenn du nur lange genug
den Sinn des Lebens suchst.
Dein Leben hat keinen Sinn.
Dein Leben macht keinen Sinn.
Du allein bist der Mensch,
der deinem Leben Sinn geben kann.
Widersprüchliche Modalitäten
ja nein
komm geh fort
voll leer hier
sind viele wohl krank
waren bloß zugedeckt
fahren halt
schon noch
eben steil
bis alles ganz kaputt
das ist vielleicht sicher
doch bestimmt ungewiss
Die zweite Haut (13 – Epilog)
ich lese
die Farben der Erde
auf meine Haut
in meinen Leib
die Formen der Erde
ich schreibe
ich nehme
von der Erde
die Farben meiner Haut
die Formen meines Leibes
in die Erde
ich gebe
ich komme
aus Erde, in Erde
ich gehe, ich bin
von Erde, zu Erde
ich werde
Link zu den Bildern: Vollrad Kutscher, Der weiße Traum. Verschmelzung (Seite 3-5); Infos zum Projekt auf der Webseite des Künstlers (Die Körperabdrucke auf weißem Laken waren nicht Teil der von mir besuchten Ausstellung)
Link zur Ausstellung: Die zweite HautMit diesem Text ist der Zyklus jetzt erst einmal zu Ende. Eine Gesamtübersicht über den Zyklus habe ich hier noch einmal als pdf-Datei hier zusammengestellt: Die zweite Haut – Struktur.
Die zweite Haut (12)
An manchen Tagen
wünsche ich mir
ein Kleid, in dem
ich unsichtbar
und sichtbar bin:
ein Kleid, in dem
ich in der Landschaft
verschwinde, indem
ich zu Landschaft
werde:
ein Kleid, in dem
ich schon weg und
noch da bin.
Link zu den Bildern: Wilma Hurskainen, Waves und Invisible
Link zur Ausstellung: Die zweite Haut
Die zweite Haut (11)
Wäre
mein Körper
ein Schwarm von
Vogelschwärmen, könnte
ich mich tief in mir sammeln
und bald wieder
zerstreuen
könnte ich ausschwärmen, leicht und frei –
und mein Herz würde
fliegen zu Dir und
zwitschern
Link zum Bild: Juul Kraijer, Untitled (2002)
Link zur Ausstellung: Die zweite Haut
Die zweite Haut (10)
aus dem Fluss
den Sand
aus dem Staub
das Laub
zu einem Gewand
aus einem Guss
uns zum Gedächtnis:
lose
körperlose
Körper im Wind
Kind, wie laut
schreibt ihre
Haut
an uns
ihr Vermächtnis
Link zum Bild: Esther Glück, Shapewear
Link zur Ausstellung: Die zweite Haut
Die zweite Haut (9)
Ihr emsigen Bienen, summt
mir ein honigsüßes Kleidchen
aus euren schwirrenden Pelzleibern
und euren sirrenden Hautflügeln.
Umsummt und umbrummt mich,
bestäubt und betäubt mich: Nackt
bin ich unter meinem Bienenkleid.
Ihr werdet mich doch nicht stechen?
Link zum Bild: Maggie Taylor, Girl with a Bee Dress
Link zur Ausstellung: Die zweite Haut