Wir sollten trauern

Wir sollten trauern
um die Toten

und nicht
die Toten
zum Argument machen für
liberté, égalité, fraternité

Wir sollten trauern
um die Toten

und nicht
im Namen der Toten
liberté, égalité, fraternité
heucheln

Wir sollten trauern
um die Toten

und nicht
so tun, als ob
wir die Toten seien
(was wir nie waren
und nicht sind)

Wir sollten trauern.

An die Uneinsichtigen

Wer sich selbst und andere kennt,
Wird auch hier erkennen:
Orient und Okzident
Sind nicht mehr zu trennen.
(Johann Wolfgang Goethe, West-Östlicher Divan)

Das Abendland rettet
nur, wer auch ein Herz für
Das Morgenland hat.

***

Eigentlich mache ich das nicht in meinem Blog, aber bei diesem Thema muss ich doch einladen, diesen Aufruf zu unterstützen: Für ein buntes Deutschland.

Die großen Schieber

Sie schieben große Projekte an.
Sie schieben nötige Reformen auf.
Sie schieben eben mal einen Krieg ein.

Sie schieben Probleme beiseite.
Sie schieben Hindernisse aus dem Weg.
Sie schieben Flüchtlinge ab.

Sie schieben sich überall durch.
Sie schieben sich allzeit in den Vordergrund.
Sie schieben sich in die erste Reihe.

Sie verschieben Termine.
Sie verschieben Immobilien.
Sie verschieben Geld, das ihnen nicht gehört.

Sie schieben uns ihre Schulden unter.
Sie schieben uns die Schuld zu.

Geben wir den großen Schiebern
doch mal einen kleinen Schubs.
Schubsen wir sie doch ein bisschen an.
Schubsen wir sie doch einfach um.
Schubsen wir sie doch endlich weg.

Schuld und Unschuld

Was ist des Unschuldigen Schuld –
Wo beginnt sie?
Sie beginnt da,
Wo er gelassen, mit hängenden Armen
Schulterzuckend daneben steht,
Den Mantel zuknöpft, die Zigarette
Anzündet und spricht:
Da kann man nichts machen.
Seht, da beginnt des Unschuldigen Schuld.

Gerty Spies

 

I

Des Unschuldigen Schuld
Beginnt dort, wo endet
Des Schuldigen Unschuld.

 

II

Schuldlos schuldig
Der Schuldige
Stirbt dort, wo lebt
Der Unschuldige
Schuldig schuldlos.

 

III

Des Unschuldigen Unschuld
Schuldet ihre Unschuld
Des Schuldigen Schuld.

Des Schuldigen Schuld
Schuldet ihre Schuld
Des Unschuldigen Unschuld.

 

IV

Des Unschuldigen Schuld
Entschuldigt nicht
Des Schuldigen Schuld.

Des Schuldigen Unschuld
Entschuldigt nicht
Des Unschuldigen Schuld.

Das Kriminalgedicht

Einen Reim auf die Leiche.
Jeder Vers eine Spur.
Des Dichters Fuß ist
sein Fingerabdruck.
Zwischen den Zeilen
jagt der Leser den Dichter.
Am Ende der Strophe
ein neuer Verdacht.

Ein Mord für das Wort.
Jede Silbe ein Schuss.
Des Dichters Blut ist
kein Indiz.
Hinter den Zeilen
jagt der Dichter den Leser.
Das Ende vom Lied
ein flüchtiger Sinn.

Eine neue Dimension von “Kripo”: Kriminalpoesie!