Die Relativität der Seinsbegründung

„Ich denke, also bin ich“,
sagt der Philosoph.

„Ich schreibe, also bin ich“,
sagt der Poet.

„Ich rechne also bin ich,“
sagt der Kaufmann.

„Ich sehe, also bin ich,“
sagt der Maler.

„Ich höre, also bin ich,“
sagt der Musiker.

„Ich rieche und schmecke, also bin ich,“
sagt der Koch.

„Ich belle, also bin ich,“
sagt der Hund.

„Ich fliege, also bin ich,“
sagt der Vogel.

„Ich wachse, also bin ich,“
sagt die Pflanze.

„Ich lebe, also bin ich,“
sagt der Lebenskünstler.

„Ich sterbe, also war ich,“
sagt der Totkranke.

„Ich atme, also bin ich,“
sagt der Genesene.

„Ich bin,“
sagt das Ich.
„Und weil ich bin,
atme, lebe und sterbe ich,
wachse, fliege und belle ich,
rieche, schmecke, höre und sehe ich,
rechne, schreibe und denke ich.“

Persische Klänge

Mein Hals,
zurückgebogen
wie der Hals der Ud,
von Dir berührt
im warmen Schimmer ihres seidigen Klangs.

Mein Mund,
leicht geöffnet
wie der Mund der Ney,
von Dir geküsst
unter dem klaren Himmel ihrer Klage.

Meine Brüste,
aufwogend
wie die Brüste der Tar,
von Dir gestreichelt
in der glitzernden Nacht ihres Geflüsters.

Mein Herz,
klopfend
wie das Herz der Tombak,
von Dir angeschlagen
im pochenden Rhythmus des Liebesscheins.

Meine Lenden,
weit ausladend
wie die Lenden der Saz,
von Dir umfangen
im Licht ihres murmelnden Gebets.

Mein Nabel,
klein und rund,
wie der Nabel der Kamanche,
von Deinem Bogen gekitzelt
im blitzenden Glanz des Tanzes.

Meine Haut,
gespannt
wie die Haut der Daf,
von Dir zum Schwingen gebracht
im strahlenden Takt des glänzenden Mondlichts.

Mein Schoß,
offen,
wie der Schoß der Santur,
von Dir bespielt
tauchen wir ein
in den flimmernden See
der persischen Klänge.

Spätes Wiegenlied

Du bringst uns noch ins Grab,
sagt der Vater.

Vatermörderin,
flüstert die Nachbarin.

Du bringst uns noch ins Grab,
sagt die Mutter.

Muttermörderin,
flüstert der Nachbar.

Vater, hast längst ins Grab mich bracht –
Mutter, hast dem Vater gholfen,
singt das Kind.

Mutter, hast längst ins Grab mich bracht –
Vater, hast der Mutter gholfen,
singt das Kind

das dem Kindbett nie entwuchs und
blieb im Sarg aus Gitterstäben.

Was will ich mehr?

Du baust Nester
aus Mondschnee
und legst sie aus mit Kissen
aus Sternensilber.

Du knüpfst Teppiche
aus Lachperlen
und zauberst Geschichten
aus Sonnengold
mit Worten
aus Kristallblumen.

Du sammelst Steine
aus Lichtwolle
für mich, bunt und voller Töne
und schenkst mir einen Palast
aus Freudenstrahlen
und Liebesfeuer.

Was will ich mehr?

Worte

Worte
sind Orte
zum Verstecken von Sinn und Unsinn.

Worte
sind Horte
voller Kraft und Energie.

Worte
sind Porte
der Zuflucht.

Worte
sind Borte
für Trauer- und Freudenfeiern.

Worte
sind Torte
für die Seele.

Worte
sind Pforte
zu einer eigenen Welt.

Heimöde

Ein Heim? Vielleicht,
aber keine Heimat.

Ein Zuhause? Vielleicht,
aber kein Nach-Hause-Kommen.

Eine Zuflucht? Vielleicht,
aber kein Fluchtpunkt für das eigene Leben.

Ein Nest? Wohl kaum –
eher ein Ast, ein Zweig zum Festhalten.

Eine Burg? Nur bedingt,
denn sie vermag der Sehnsucht nicht zu trotzen.

Ein Heim? Vielleicht,
aber keine Heimat,
vielmehr: eine Heimöde.

Ein Unterschlupf? Gewiss,
ein Unterschlupf in meinem Herzen
ein Obdach bei Nacht, bei Unwetter ein Unterstand –
mehr als Asyl,
weniger als Heimat.

Zuhause

Zuhause ist, wo Du Dein Zelt aufschlägst.
Und trotzdem
wirst Du Dich immer nach Deinem Elternhaus sehnen.

Zuhause ist, wo Du der Natur nahe bist.
Und trotzdem
wirst Du Dich immer nach den Bergen und Bäumen Deiner Kindheit sehnen.

Zuhause ist, wo Freunde sind.
Und trotzdem
wirst Du Dich immer nach den Spielgefährten Deiner Jugend sehnen.

Zuhause ist, wo Du und ich zusammen sind.
Und trotzdem
wirst Du Dich immer nach Deiner Familie sehnen.

Zuhause ist
sowohl Zuhause als auch Ersatz-Zuhause,
sowohl Zuhause als auch Schein-Zuhause,
sowohl Zuhause als auch Nicht-Zuhause.

Dein Heimweh

WISSEN um Dein Heimweh:
Das habe ich voll und ganz.

Dein Heimweh VERSTEHEN:
Das kann ich nur in Ansätzen.

Dein Heimweh ERFASSEN:
Das geht nur in Form einer Ahnung.

Dein Heimweh NACHFÜHLEN:
Das kann ich nur versuchen.

Dein Heimweh MITFÜHLEN:
Das will ich – mit allen Sinnen.

Dein Heimweh LINDERN:
Das würde ich so gerne tun, aber ich fürchte,
das ist unmöglich.

Stubenvogel

Hinausgewagt
mit Trippelschritten,
kurzer Probeflug
auf den ersten Baum
vor dem Fenster.
Herzklopfender Innehalt
und Blick zurück
in die warme Stube:
Zu aber ist schon die Käfigtür –
Rückkehr unerwünscht!
Weiter also
– zögere nicht!
Folge den Raben
und erprobe
wie weit die Schwingen tragen,
die gestutzten.
Notfalls allein
von Ast zu Ast.
Blick ins Offene,
himmelwärts.