Wer
nach den Sternen
greift,
schaut
in den Mond.
Autor: Lyrifant
Tian Anmen
Sie gaben ihre Zukunft
für eine Gegenwart,
die nie Vergangenheit wurde.
zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels für Liao Yiwu
Naseweis
Wem man
einen Bären
auf die Nase bindet
und
wen man dann
an der Nase herumführt,
dem hilft
seine gute Nase nicht.
Mit einfachen Worten
Mit einfachen Worten
Einfaches sagen,
und sagen,
was nicht einfach ist.
Nicht
mit gespaltener Zunge
reden,
ohne doppelten Boden.
Einfache Worte
sind Metaphernpirouetten
an Mehrdeutigkeit
eindeutig vielfach
überlegen.
Mit links
Es gibt Tage,
da findest du
das rechte Wort
mit links.
Kindheitsmuster
Du musst noch –
Du sollst doch nicht immer –
Du darfst auf keinen Fall –
Du kannst doch nicht –
Sei still –
Bleib schön brav –
Jetzt reiß dich mal zusammen –
Spiel dich doch nicht immer so auf –
Kannst du nicht hören?
Kannst du nicht besser aufpassen?
Hast du schon wieder?
Stell dich nicht so an!
Wenn du nicht -,
kommst du ins Internat!
Solange du deine Füße
unter unseren Tisch –
Wer zahlt, schafft an.
Aber ich will doch nur –
Kann ich nicht?
Darf ich nicht auch einmal?
Nein.
Vater hat Recht.
Mutter hat Recht.
Das Kind gehorcht.
Warten
Warten,
bis das Wort
reif ist
und dann
einfach pflücken.
Die eigene Sprache finden
Es ist gar nicht so leicht,
die eigene Sprache zu finden,
in Schall und Rauch
von Jedermanns Senf,
zwischen Werbespott und Newsbrache,
in der Dichter heiligem Wörtersee,
zwischen Slam-Schlamm
und Slang-Klang,
im Matsch von Klatsch und Tratsch,
unter all dem alltäglichen
Wortmünzengeklingel,
zwischen Comedy-Gegacker
und abgeschlagenen Herz-Schmerz-Reimen,
dem Gequake von Zeitungsenten
und all dem intellektuellen Geifer
der Experten und Kritiker,
jenseits der Geschwätzigkeit der Prediger,
im Sumpf von Suff und Puff,
zwischen Mail-Trash
und Politphrase,
akademischen Pfauengeschrei
und intrigantem Schlangengezisch,
im Morast von abgedroschenen
Redewendungen und Sprichwörtern,
in Schutt und Asche
unserer verbrauchten Sprache.
Doch vielleicht
ist es auch gar nicht so schwer:
Warum nennst du nicht einfach
schön, was schön ist,
und gut, was gut ist?
Warum soll nicht
oben oben heißen
und unten unten?
Und warum sagst du nicht einfach
gerecht zu dem, was gerecht ist,
und ungerecht zu dem, was ungerecht ist?
Die eigene Sprache finden,
hieße dann,
den aufrechten Gang im Wort
zu üben.
Bliebe dann nur noch
das Problem,
was schön, was gut ist,
wo oben, wo unten ist,
was gerecht, was ungerecht ist.
Aber das ist
ein Problem
jenseits der Sprache.
Missverständnisse
Ich wollte nur
eine Grenze ziehen.
Da habt Ihr mich
ganz Eures Reiches verwiesen.
Ich wollte nur
meinen eigenen Platz finden.
Da habt Ihr mich
aus meiner Heimstatt verbannt.
Ich wollte nur
mit Euch neue Wege gehen.
Da habt Ihr mir
den Weg zu Euch zurück abgeschnitten.
Aus den Federn
Mit spitzer Feder
Lügen
zum Platzen bringen –
ohne viel Federlesens.
Mit einem Federstrich
Einsicht
zum Schweben bringen –
federleicht.
Auch wenn du Federn lassen musst,
um Feder führend zu sein:
Greif zur Feder!
Denn in ihrem Federbett
schlummernd
taugen deine Worte nicht.
Hilf ihnen
aus den Federn
und lass
den Luftballon der Poesie
in den Himmel steigen.
Das Einmaleins der Modalverben
I Lied der Zwänge
Ich mag nicht,
aber ich muss.
Ich kann nicht,
aber ich soll.
Ich darf nicht,
aber ich will.
II Lied der Verweigerung
Ich darf,
aber ich muss nicht.
Ich soll,
aber ich mag nicht.
Ich kann,
aber ich will nicht.
III Lied der Freiheit
Ich darf,
was ich will.
Ich muss nur,
was ich mag.
Ich kann,
was ich soll.
Credo
I
Lieber
mit wenigen Worten
viel sagen,
als
mit vielen Worten
wenig sagen.
II
Lieber
ohne Worte
als
ein Wort zuviel,
ein falsches Wort,
ein richtiges Wort zur Unzeit.
III
Lieber
ein wortkarges
Wortspiel
als
wortmächtiger
Tatenernst.