Auf fremdem Sprachkurs

Obgleich
aus derselben Sprachfamilie
sind wir doch
ein ungleiches Wortpaar.

Ich habe mich häuslich auf meiner
Sprachinsel eingerichtet.
Ich springe fröhlich von
Sprachzweig zu Sprachzweig,
pflüge mich beharrlich von
Wortfeld zu Wortfeld,
blase in jedes
Sprachrohr, das sich mir bietet,
hebe frischen Mutes
Wortschatz um Wortschatz,
schaffe mir
Sprachraum um Sprachraum,
zaubere mir
Wortreich um Wortreich
mit meinem Buchstab.

Sprachlos
schaust Du mir zu.
Bleibst einsilbig.
Wortkarg.

Für Dich segle ich
auf fremdem Sprachkurs.

Meine Wortbildung tut Dir
Sprachgewalt an.
Mein Wortwitz verletzt Deine
Sprachgefühle.
Meine Wortbrüche sind
Silbenrätsel für Dich.

Ich habe die Wortwahl.
Du willst Klartext.

Das gelochte Herz

“Mein Herz ist schon gelocht”,
sagst Du,
als ich, zufällig
mit dem Locher in der Hand,
vor Dir stehe.
“Gelocht, gestempelt und abgeheftet”,
denke ich.
“Nicht nur”, denkst Du,
“sondern auch
durchlöchert, durchbohrt, durchstochen.”

Rechtsterror

Wo rechts vor links gilt,
weiß die rechte Hand sehr wohl,
was die linke tut.
Und man ist auch nicht
auf dem rechten Auge blind.
Vielmehr
sieht man alles
nur mit dem rechten Auge
und steht auch immer
mit dem rechten Fuß auf.

Alles was Recht ist:
Rechtsverbindlich wird,
was rechtsverbunden.
Statt rechtgläubig
ist man rechtsgläubig.
Statt Recht gesprochen
wird Recht gebrochen,
nicht von Rechts wegen,
sondern von rechts wegen.

Da bekommt das Wort
Rechtsstaat
eine ganz neue Bedeutung.

Envoi

Damit diese Form von
Rechtspflege
ein Ende nimmt:
Zeit für einen
Rechtsbruch?

Schuldig

Ich bin es uns
schuldig,
denke ich,
offen
zu Dir zu sein,
und lege
meine Finger in
Deine offenen Wunden.
Warum
fühle ich mich
schuldig, wie
ein Verräter?

Teilen

Ich bin bereit,
mit Dir meinen Schokoladenhasen zu
teilen, aber Du
magst keine Schokolade.

Ich möchte gern
mit Dir meine Lieblingsbücher
teilen, aber Du
machst Dir nicht viel aus Lesen.

Ich will
mit Dir meine Träume
teilen, aber Du
lebst lieber in der Wirklichkeit.

Teilen
ist gar nicht so
einfach, genauso wenig
einfach wie
Lieben.

Wer liebt, teilt,
auch was er nicht
teilen will.

Lesegemüse aus Redefrüchten

(nur für Kichererbsen)

Sprechbohnen und
Plaudersellerie unter
Wortkrumenkohl.

Deckrüben im
Lauerkraut an
Klopfsalat.

Kachelbeeren aus der
Mauerkirsche.

Schwafelbirnen versprechen
Paradieschen.

Dies ist nur ein Märchen aus
Märlauch,
Dünnbrettich!

Lebenswundenkunde

Bisswunden
hast du,
weil du
immer wieder die Zähne zusammengebissen.

Brandwunden
hast du,
weil du
dir regelmäßig den Mund verbrannt.

Platzwunden
hast du,
nicht weil du
auf den Kopf gefallen, sondern
weil du
dich fallen gelassen.

Schnittwunden
hast du,
weil du
dich ins eigene Fleisch geschnitten.

Schürfwunden
hast du,
weil du
am eigenen Leben vorbeigschrammt.

Amokfarben II

Kunterbunt war ihre Welt.
In allen Farben des Regenbogens schillerten ihre Lebensträume
wie Seifenblasen in der Sonne.
Farbenfroh leuchtete ihre Zukunft

bis zu dem Schuss.
Danach war die Welt schwarz.