Erlkönig

Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? –
Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht?

                                                                                                          J. W. Goethe

„Mein Kind, was wendest du ab von uns dein Gesicht?“ –
„Siehst, Vater, du meine offenen Arme nicht?“

„Mein Kind, was versäumst du deine von uns geforderte Pflicht?“ –
„Siehst, Vater, du meine euch zugeneigten Ohren nicht?“

„Mein Kind, was glaubst du, wie man mit seinen Eltern spricht?“ –
„Siehst, Vater, du meinen zärtlich lächelnden Mund nicht?“

„Mein Kind, was sitzt du so frech über uns zu Gericht?“ –
„Siehst, Vater, du den Ring, der mein Herz umschließt, nicht?“

„Mein Kind, was reckst du so keck deinen Hals ins Licht?“ –
Siehst, Vater, du mein gebrochenes Rückgrat nicht?

„Mein Kind, was suchst du den Mann, der das Herz dir nur bricht?“ –
„Siehst, Vater, du meine vor Liebesglück strahlenden Augen nicht?“

Dem Kinde graust’s, es reitet geschwind,
durch seine Seele bläst eisiger Wind.
Es findet das Tor mit Mühe und Not,
in seinem Herzen das Kind war tot.

Der Erlkönig sieht’s,  dreht um und spricht:
„Meiner bedarf es hier nicht.“

Persische Genüsse

Mit Dir
am Berberitzensee
auf dem Feigenteppich
im Bockshornklee –
über uns
der Dattelhimmel,
an dem die Walnusssonne
hinter Mispelwolken
mit Safransaum hervorlugt –
warten wir in Quittenwonne
auf den Pistazienregen
zu vollenden
unseren Granatapfeltraum.

Immer falsch

zu früh
zu spät

zu jung
zu alt

zu gut
zu schlecht

zu groß
zu klein

zu viel
zu wenig

zu schwer
zu leicht

zu stark
zu schwach

zu hoch
zu tief

zu lang
zu kurz

einfach immer falsch!

Die Relativität der Seinsbegründung

„Ich denke, also bin ich“,
sagt der Philosoph.

„Ich schreibe, also bin ich“,
sagt der Poet.

„Ich rechne also bin ich,“
sagt der Kaufmann.

„Ich sehe, also bin ich,“
sagt der Maler.

„Ich höre, also bin ich,“
sagt der Musiker.

„Ich rieche und schmecke, also bin ich,“
sagt der Koch.

„Ich belle, also bin ich,“
sagt der Hund.

„Ich fliege, also bin ich,“
sagt der Vogel.

„Ich wachse, also bin ich,“
sagt die Pflanze.

„Ich lebe, also bin ich,“
sagt der Lebenskünstler.

„Ich sterbe, also war ich,“
sagt der Totkranke.

„Ich atme, also bin ich,“
sagt der Genesene.

„Ich bin,“
sagt das Ich.
„Und weil ich bin,
atme, lebe und sterbe ich,
wachse, fliege und belle ich,
rieche, schmecke, höre und sehe ich,
rechne, schreibe und denke ich.“

Persische Klänge

Mein Hals,
zurückgebogen
wie der Hals der Ud,
von Dir berührt
im warmen Schimmer ihres seidigen Klangs.

Mein Mund,
leicht geöffnet
wie der Mund der Ney,
von Dir geküsst
unter dem klaren Himmel ihrer Klage.

Meine Brüste,
aufwogend
wie die Brüste der Tar,
von Dir gestreichelt
in der glitzernden Nacht ihres Geflüsters.

Mein Herz,
klopfend
wie das Herz der Tombak,
von Dir angeschlagen
im pochenden Rhythmus des Liebesscheins.

Meine Lenden,
weit ausladend
wie die Lenden der Saz,
von Dir umfangen
im Licht ihres murmelnden Gebets.

Mein Nabel,
klein und rund,
wie der Nabel der Kamanche,
von Deinem Bogen gekitzelt
im blitzenden Glanz des Tanzes.

Meine Haut,
gespannt
wie die Haut der Daf,
von Dir zum Schwingen gebracht
im strahlenden Takt des glänzenden Mondlichts.

Mein Schoß,
offen,
wie der Schoß der Santur,
von Dir bespielt
tauchen wir ein
in den flimmernden See
der persischen Klänge.

Spätes Wiegenlied

Du bringst uns noch ins Grab,
sagt der Vater.

Vatermörderin,
flüstert die Nachbarin.

Du bringst uns noch ins Grab,
sagt die Mutter.

Muttermörderin,
flüstert der Nachbar.

Vater, hast längst ins Grab mich bracht –
Mutter, hast dem Vater gholfen,
singt das Kind.

Mutter, hast längst ins Grab mich bracht –
Vater, hast der Mutter gholfen,
singt das Kind

das dem Kindbett nie entwuchs und
blieb im Sarg aus Gitterstäben.

Was will ich mehr?

Du baust Nester
aus Mondschnee
und legst sie aus mit Kissen
aus Sternensilber.

Du knüpfst Teppiche
aus Lachperlen
und zauberst Geschichten
aus Sonnengold
mit Worten
aus Kristallblumen.

Du sammelst Steine
aus Lichtwolle
für mich, bunt und voller Töne
und schenkst mir einen Palast
aus Freudenstrahlen
und Liebesfeuer.

Was will ich mehr?