Amokfarben

Man schlägt ihn seelisch grün und blau.
Mit verquollenem Seelenauge sieht er die Welt nur grau
und malt alles schwarz,
was nur weiß übertüncht war.
Dann sieht er nur noch rot.

Nach dem Schuss
ist die Welt wieder bunt.

Lebensfarben

Die Farben der Kindheit

Der Himmel ist himmelblau,
grasgrün ist das Gras.
Die Erde ist erdbraun,
sonnengelb ist die Sonne.
Der Schnee ist schneeweiß,
rosenrot ist die Rose.
Der Wolf ist wolfsgrau,
rabenschwarz ist der Rabe.

Die Farben der Jugend

Rosarot leuchtet der Himmel,’
dunkelrot  duftet das Gras.
Samtrot schimmert die Erde,
glutrot neigt sich die Sonne.
Blutrot glänzt der Schnee,
mundrot blüht die Rose.
Der Wolf ist ein Fuchs,
der Rabe fortgeflogen.

Die Farben der Reife

Der Himmel ist azurblau
wie frisch erblühter Rittersporn zwischen den goldenen Ähren des Feldes,
zartgrün wie die eben den Knospen entsprungenen Blätter der Linde
ist das Gras.
Die Erde ist rotbraun,
wie Holz vom frisch gefällten Baum kurz nach dem Anschnitt,
goldgelb wie frisch geerntete Mirabellen vom Baum in Nachbars Garten
ist die Sonne.
Der Schnee ist eierschalenweiß
wie ein unbeschriebenes Blatt Papier vor dem ersten Wort,
dunkelrot wie eine pralle Kirsche nach einem sonnigen Sommer
ist die Rose.
Der Wolf ist dunkelgrau
wie indische Elefanten am Morgen nach ihrem ersten Bad,
kohlschwarz wie  schwitzender Teer in der Sommerhitze
ist der Rabe.

Die Farben des Alters

Der Himmel grau,
das Gras braun.
Die Erde schwarz,
die Sonne fahl.
Der Schnee gelb,
die Rose weiß.
Der Wolf ist tot,
vom Raben beweint.

Die Farben des Todes

Pechschwarz ist der Himmel,
schwarz wie Lakritze das Gras.
Lavaschwarz ist die Erde,
schwarz wie die Nacht die Sonne.
Ebenholzschwarz ist der Schnee,
schwarz wie Holunder die Rose.
Kohlrabenschwarz ist der Wolf,
schwarz wie ein Panther der Rabe.

Lethargie

Dem Fuß
fehlt die Kraft
zum Aufstehen.

Dem Leib
fehlt die Stärke
zum Durchstehen.

Dem Kopf
fehlt der Antrieb
zum Bestehen.

Denn Sinnen
fehlt das Ziel
zum Einstehen.

Dem Herz
fehlt der Mut
zum Widerstehen.

Der Seele
fehlt die Energie
zum Überstehen.

Der Hand
fehlt die Macht
zum Beistehen.

Dem Geist
fehlt die Fähigkeit
zum Verstehen.

Du kannst nicht mehr vor Dir bestehen.
Deine Ohnmacht steht Deiner Kraftlosigkeit in nichts nach.
Dabei steht Dir Stehvermögen und Standfestigkeit zu.

Aber alles steht still.

Der Schriftsteller

Er stellt Fallen,
stellt die fliehenden Wörter.

Er stellt die Sprache zur Rede,
stellt der Zeit einen Zeugen.

Er stellt Augen und Ohren,
stellt die Weichen für neue Wortzüge.

Er stellt sich seiner Sprache
und der Welt.

Er ist Schriftsteller,
er stellt Wort neben Wort,
Sinn neben Sinn in Schrift.

Im falschen Leben

Zur falschen Zeit
am falschen Ort.

In fremden Federn
und fremden Sprachen
unter fremden Leuten.

In fahlem Licht
mit fahlem Lächeln.

In hohlen Gassen
und hohlen Wegen
zwischen hohlen Buchen
auf hohlen Nüssen.

Bei verfehltem Ziel
im verfehlten Thema.

Im geborgten Kleid
auf geborgten Ehren
mit geborgten Worten.

Mit gebrochenen Schwingen
und gebrochenem Rückgrat.

Kurzum: Im falschen Leben.

Wie kommt der Tee-Hai ins Tee-Ei?

Teetrinken kann gefährlich sein, denn da lauert er in den Tiefen von Tasse und Kanne: der Tee-Hai. Unschädlich gemacht wird er, indem man ihn kurzerhand ins Tee-Ei sperrt. Doch:

Wie kommt der Tee-Hai
ins Tee-Ei?

Ruf die Tee-Fee
aus dem Tee-See.
Rühr mit dem Fee-Zeh
süßen Mai-Klee
in schweren Blei-Brei
und lock damit den Tee-Hai
ohne viel Bo-hai
ins Tee-Ei.

Deckel zu – Ruh!

Heh, ruft der Hai.
Nee, sagt die Fee.
Weh, klagt der Hai.

So wird der Tee frei
vom Tee-Hai.

Eine Rose ist eine Tulpe

für J. M.

Eine Rose ist eine Tulpe.
Das wäre ein schöner Vers für ein Gedicht,
aber schade: Er reimt sich nicht!
Das ist des Dichters Fluch.

Doch bleibt uns ein zweiter Versuch:
Eine Rose ist eine Narzisse,
so der Dichter spricht – doch wisse:
Eine Narzisse ist eine Rose,
damit geht jede Botanik in die Hose.

Nur in der Lyrik ist alles erlaubt:
Da ist selbst ein Haus belaubt,
und ein Mensch ist ein Tier,
und ein Lamm ist ein Stier.
So hat eine jede Systematik
in der Lyrik ihre eigene Logik.

Nur die Tulpe hat keinen Ort,
reimlos steht sie dort,
ganz für sich allein.
Und dennoch kann in der Lyrik auch die Rose eine Tulpe sein.

Was heißt es?

Was heißt es,
wenn man sagt:
„Du bist mein Alles.“?

Heißt das: Du bist mein Tisch, mein Stuhl, mein Bett?
Mein Ofen, mein Herd?
Heißt das: Du bist mein Himmel, mein Wasser, meine Erde?
Meine Welt, mein Universum?
Heißt das: Du bist meine Hand, mein Fuß, mein Kopf?
Mein Hemd, mein Kleid, mein Schuh?

Heißt das: Du bist meine Luft zum Atmen,
mein Fenster zur Welt,
mein täglicher Weg?

Heißt das: Du bist der Motor, der mich antreibt?
Die Energie, die mich durchströmt?
Die Kraft, die mich trägt?
Der Geist, der mich erleuchtet?

Und heißt das dann nicht auch: Du bist mein Lachen, mein Weinen?
Du bist mein Glück, mein Unglück?
Du bist meine Liebe, mein Hass?
Du bist mein Leben, mein Tod?

Oder ist das einfach nur eine dumme Redewendung?

Was ich Dir sein kann

Ich weiß:
Ich kann Dir kein Hafen sein,
aber vielleicht
ein Steg
in der Wildnis.

Ich weiß:
Ich kann Dir kein Heim sein,
aber vielleicht
eine Schutzhütte
in den Bergen.

Ich weiß:
Ich kann Dir keine Heimat sein,
aber vielleicht
ein Felsvorsprung
im weiten Meer.

Ich weiß:
Ich kann Dir kein Strohhalm sein,
der Dich vor dem Ertrinken rettet,
aber vielleicht
gemeinsam mit Dir untergehen.