Die lächelnde Nähe

Nicht nahe genug
kann ich Dir sein.

Nicht nahe genug
kannst Du mir sein.

Nicht zu nahe
darf ich Dir kommen,
will ich Dir ganz nahe sein.

Nicht zu nahe
darfst Du mir kommen,
willst Du mir ganz nahe sein.

Zwischen Dir und mir
findet Platz allein
die lächelnde Nähe.

Aus dem Takt

Takt für Takt
immer im Takt
immer intakt

mach den Auftakt
gib den Takt an
schlag den Takt
halt den Takt
bleib im Takt

für ein paar Takte
Kontakt

wir wechseln den Takt
im Minutentakt
im Sekundentakt
im Dreivierteltakt

alles getaktet
alles taktiert
alles nur Taktik
nur scheinbar taktil

scheinbar taktvoll
scheinbar taktfest
und doch taktlos

sei so mit Takt
aus dem Takt
gebracht

Körperlandschaften

Schön ist
eine Wanderung
von der Fußsohle
über das Rückgrat
bis hinauf zum Schulterblatt.

Die Fingerkuppe verspricht
eine gute Aussicht über
die Bauchdecke bis
hinunter zur Kniescheibe.

Schon lockt
die Armbeuge.
Vor den Lendenwirbeln
finden wir
Schutz in der Achselhöhle.

Bald klettern wir über
Haarwurzeln, sammeln
Ohrmuscheln im Brustkorb.
Im Mundwinkel
machen wir Picknick:
Du knabberst
an meinem Augapfel.

Das Gaumensegel
ist gespannt. Wir
breiten unsere Nasenflügel aus und
fliegen –

unsagbar das leid

unzählbar
das leid,
das diese menschen
kaum zu erzählen vermögen:
die verfolgten,
die gefolterten,
die geflohenen

undenkbar
das leid,
das diese menschen
zu erdenken in der lage sind:
die verfolger,
die folterer,
die schlepper

untragbar
das leid,
das menschen menschen
zu ertragen zwingen:
die verfolger die verfolgten,
die folterer die gefolterten,
die schlepper die geflohenen

unfassbar
das leid,
das diese menschen
nie wirklich zu erfassen suchen:
unsere journalisten,
unsere obersten richter,
unsere regierenden

unsagbar
das leid,
das die menschlichkeit
zum versagen verdammt

Kein Land in Sicht

Orientierungslos
treibt das Schiff
auf offenem Meer.

Die Segel zerschlissen.
Die Ruder verloren.
Ankerlos.
Rettungslos.

Rettungslos überfüllt
die wenigen Rettungsboote.
Zerstört die Rettungsringe.
Einen Rettungsanker gibt es nicht.

Mann über Bord.
Frau über Bord.
Kind über Bord.

Über Bord auch
unsere Menschlichkeit.

Kein Ende des Leidens.
Kein Ende des Sterbens.
Kein Ende des Mordens.

Kein Land in Sicht.

“Kein Land in Sicht” ist das Motto des diesjährigen “Open Ohr Festivals” in Mainz, das der Flüchtlingsproblematik gewidmet ist.