Nacht wie Tag
Tag wie Nacht
im
Gleichgewicht
Lyrik
zum Jahreswechsel
Wir sind ja in der luxuriösen Situation, zweimal im Jahr den Jahreswechsel zu feiern: zum 1.1. und zum persischen Neujahrsfest, das in diesem Jahr auf den 20.3. fällt. Und was mir an solchen Schwellentagen so durch den Kopf geht, habe ich in diese Zeilen gepackt (eher eine Liste als ein Gedicht, ein Listengedicht sozusagen).
zu letztem Neujahr
hofften wir: neues Jahr, neues Glück
und ahnten: noch nichts
zu letztem Nourouz
hofften wir: nicht mehr lange
und wussten: noch zu wenig
zu diesem Neujahr
wussten wir: schon viel mehr
und hofften: schon bald
zu diesem Nourouz
wissen wir: doch noch nicht
und hoffen noch immer: bald
zu nächstem Neujahr
hoffen wir: endlich vorbei
und wissen: hoffentlich genug
zu nächstem Nourouz
ahnen wir: jetzt!
und hoffen: neues Jahr, neues Glück
ja mei
Brei im Kopf und
Blei an den Füßen
Frei nie die Kehle, dafür
Schrei in der Seele
ja mei wirst fei alt, halt
schreib Dir ein Liebeslied
schau Dich an
mit meinen Augen
hör Dir zu
mit meinem Herzen
berühr Dich
mit meinen Lippen
schreib Dir ein Liebeslied
mit meiner Hand
in Deine Hand
neben der Spur
neben der Spur
ist aller Raum der Welt
für eigene Wege
da kam ein Gedicht geflogen
“da kam ein Gedicht geflogen” – dieser Vers (gefunden bei Buchalov) hat es mir angetan und mich zu diesem neoromantischen Liedlein inspiriert
ich stand allein
am Wegesrand,
dacht’ mir die Welt
als blaues Land:
da kam ein Gedicht geflogen
ich fand mich
an des Meeres Strand,
entwarf mich selbst
als blaues Band:
da ist das Gedicht aufgeflogen
verschwand ins Blau
– leer meine Hand – ,
bleibt nur der Himmel mir
als blaues Pfand:
da war das Gedicht für immer entflogen
wie es im Buche steht
wie es im Buche steht:
schwarz auf weiß
doch denk daran:
möglich ist, dass es lügt
wie gedruckt
Vollmondnachtstück
sternhagelvollmondsüchtig
zieh ich durch die Nacht –
sammle vollmondhellsichtig
Himmelglückssternhaufen, bis
mir die Welt sternschnuppe ist
Gedanken am Ufer der zugefrorenen Havel
es könnte reizvoll sein:
alljährlich von Zeit zu Zeit
unter einer dünnen Haut aus Eis
ganz still zu werden, zu verharren,
für eine Weile zu erstarren, um bald
in der Wärme erster Sonnenstrahlen
allmählich aufzutauen und aufs Neue
zu glucksen beginnen und zu gluckern,
zu sprudeln, zu fließen und zu strömen
EigenSinn
ist es nicht ebenso sinnig wie eigen,
dass uns Eigensinn nur sinnig erscheint,
solange es unser eigener ist?
Tomintoul (aged 16 years)
leicht steigt der Nebel hoch
mir in den Kopf: komm, zeig mir
dein goldenes Licht! ich steh
am Rand der Klippe und denke
“ich kann fliegen”
und lasse mich
fallen
