Wie kommt der Tee-Hai ins Tee-Ei?

Teetrinken kann gefährlich sein, denn da lauert er in den Tiefen von Tasse und Kanne: der Tee-Hai. Unschädlich gemacht wird er, indem man ihn kurzerhand ins Tee-Ei sperrt. Doch:

Wie kommt der Tee-Hai
ins Tee-Ei?

Ruf die Tee-Fee
aus dem Tee-See.
Rühr mit dem Fee-Zeh
süßen Mai-Klee
in schweren Blei-Brei
und lock damit den Tee-Hai
ohne viel Bo-hai
ins Tee-Ei.

Deckel zu – Ruh!

Heh, ruft der Hai.
Nee, sagt die Fee.
Weh, klagt der Hai.

So wird der Tee frei
vom Tee-Hai.

Eine Rose ist eine Tulpe

für J. M.

Eine Rose ist eine Tulpe.
Das wäre ein schöner Vers für ein Gedicht,
aber schade: Er reimt sich nicht!
Das ist des Dichters Fluch.

Doch bleibt uns ein zweiter Versuch:
Eine Rose ist eine Narzisse,
so der Dichter spricht – doch wisse:
Eine Narzisse ist eine Rose,
damit geht jede Botanik in die Hose.

Nur in der Lyrik ist alles erlaubt:
Da ist selbst ein Haus belaubt,
und ein Mensch ist ein Tier,
und ein Lamm ist ein Stier.
So hat eine jede Systematik
in der Lyrik ihre eigene Logik.

Nur die Tulpe hat keinen Ort,
reimlos steht sie dort,
ganz für sich allein.
Und dennoch kann in der Lyrik auch die Rose eine Tulpe sein.

Was heißt es?

Was heißt es,
wenn man sagt:
„Du bist mein Alles.“?

Heißt das: Du bist mein Tisch, mein Stuhl, mein Bett?
Mein Ofen, mein Herd?
Heißt das: Du bist mein Himmel, mein Wasser, meine Erde?
Meine Welt, mein Universum?
Heißt das: Du bist meine Hand, mein Fuß, mein Kopf?
Mein Hemd, mein Kleid, mein Schuh?

Heißt das: Du bist meine Luft zum Atmen,
mein Fenster zur Welt,
mein täglicher Weg?

Heißt das: Du bist der Motor, der mich antreibt?
Die Energie, die mich durchströmt?
Die Kraft, die mich trägt?
Der Geist, der mich erleuchtet?

Und heißt das dann nicht auch: Du bist mein Lachen, mein Weinen?
Du bist mein Glück, mein Unglück?
Du bist meine Liebe, mein Hass?
Du bist mein Leben, mein Tod?

Oder ist das einfach nur eine dumme Redewendung?

Was ich Dir sein kann

Ich weiß:
Ich kann Dir kein Hafen sein,
aber vielleicht
ein Steg
in der Wildnis.

Ich weiß:
Ich kann Dir kein Heim sein,
aber vielleicht
eine Schutzhütte
in den Bergen.

Ich weiß:
Ich kann Dir keine Heimat sein,
aber vielleicht
ein Felsvorsprung
im weiten Meer.

Ich weiß:
Ich kann Dir kein Strohhalm sein,
der Dich vor dem Ertrinken rettet,
aber vielleicht
gemeinsam mit Dir untergehen.

Mit-Exil

Was es heißt,
im Exil zu leben,
weiß nur,
wer im Exil lebt.

Was es heißt,
mit einem Menschen zu leben,
der im Exil lebt,
weiß nur,
wer mit einem Menschen lebt,
der im Exil lebt.

Ich nenne es:
Mit-Exil.

Ohne Dich

Eine Nacht
ohne Dich
ist eine kalte Nacht.

Eine Nacht
ohne Dich
ist eine dunkle Nacht

Eine Nacht
ohne Dich
ist eine einsame Nacht.

Ein Tag
ohne Dich
ist ein kalter Tag.

Ein Tag
ohne Dich
ist ein dunkler Tag.

Ein Tag
ohne Dich
ist ein einsamer Tag.

Eine verlorene Nacht.
ein verlorener Tag,
eine Nacht, ein Tag ohne Dich.

Spätes Findelkind

Bist nicht mehr lieb Kind,
weil du das Kind beim Namen genannt.

Bist dir nun selbst dein liebstes Kind –
Unerwünscht, verflucht und verwaist.

Hältst nun endlich die Schaukel an
und schüttest das Bad mit eigenen Händen aus,
um zu löschen, was dich verbrennt.

Hast selbst dich ausgesetzt
als Findelkind.
Willst nicht gefunden werden von neuen Eltern.
Willst endlich heimkehren

zu dir.

Du bist Du

Wärst Du mein Tag,
wäre jeder Tag sonnig und warm.

Wärst Du meine Nacht,
wäre jede Nacht licht und mild.

Wärst Du mein Weg,
wäre jeder Weg einfach und bequem.

Wärst Du mein Leben,
wäre das Leben stets klar und schön.

Aber da Du bist, was Du bist,
nämlich Du,
bist Du mein Halt gebender Begleiter
durch trübe und kalte Tage,
rauhe und dunkle Nächte,
über steinige und steile Wege,
durch ein schwieriges und unsicheres Leben.

Vorsicht vor den Liebesworten

Vorsicht vor den Liebesworten,
sie übertreiben gern.
Vorsicht vor den Liebesworten,
sie verdrehen gern.
Vorsicht vor den Liebesworten,
sie blenden gern.

Vertrau lieber Worten, die
differenzieren,
relativieren,
nuancieren
und dabei versuchen, sich vorsichtig der Wahrheit zu nähern.

Vertrau lieber Worten, die
nicht wie Liebesworte scheinen,
aber Worte sind, die
von der Liebe wissen,
von der Liebe sprechen,
von der Liebe singen,
und dies
differenzierend,
relativierend,
nuancierend –
eben: vorsichtig und aufrichtig:
Vorsichtsworte von der Liebe.

Denn: Vorsicht vor den Liebesworten!
Wähle lieber Worte,
mit viel Vorsicht überlegt,
mit viel Vorsicht formuliert,
mit viel Vorsicht ausgesprochen:
Vorsichtsworte von der Liebe.