Leben nach Zahlen

Worauf es im Leben ankommt
– als ob es einen Fahrplan gäbe -,

Was das Leben bietet
– als ob das Leben ein Gemischtwarenladen wäre -,

Was im Leben wirklich zählt
– als ob sich das Leben rechnen müsste -,

Was das Leben lebenswert macht
– doch zu welchem Preis? -,
wird mich wohl das Leben kosten.

Dass das Leben sich lohnt,
werde ich mit dem Leben bezahlen müssen.

Muss ich mein Leben wirklich so teuer verkaufen?

Körpersprache

Man reicht mir die Hand
und stellt mir ein Bein.

Man nimmt mich in den Arm
und setzt mir den Fuß in den Nacken.

Man fällt mir um den Hals
und lacht mir ins Gesicht.

Man tätschelt mir die Wange
und stößt mich vor den Kopf.

Man redet mir nach dem Mund
und zeigt mit dem Finger auf mich.

Man schaut mir in die Augen
und tritt mir auf die Zehen.

Man fällt mir zu Füßen
und zwingt mich in die Knie.

Man klopft mir auf die Schulter
und fällt mir in den Rücken.

Man pinselt mir den Bauch
und gibt mir einen Tritt in den Hintern.

Ich fahre aus der Haut.

Fabula docet?

Ich bin gewiss nicht so töricht wie
der Rabe,
der seinen Käse fallen lässt,
nur weil der Fuchs ihm schmeichelt.

Ob ich aber so einsichtig wäre wie
der Bär,
der aufhört zu tanzen,
als das Schwein ihm applaudiert?

Doch sicherlich wäre ich eitel genug,
mein Affenherz hinzugeben,
wenn mich – in aller Freundschaft –
das Krokodil darum bäte.

Happy Veggie Day

“Noch mal Schwein gehabt,”
grunzt das Schwein
und räkelt sich
ganz schweinisch auf seinem rosa Sofa.

“Das geht auf keine Kuhhaut,”
muht das Rind,
bevor es – brüllend wie ein Stier –
noch einmal auf Ochsentour geht.

“Da hab ich meine Schäfchen gerade noch ins Trockene gebracht,”
blökt das Lamm
und freut sich
auf sein Schäferstündchen mit dem Wolf.

“Morgen kräht kein Hahn mehr nach mir,”
gackert das Huhn
und legt noch schnell
ein goldenes Ei.

“Heute gibt es kalte Ente,”
quakt die Ente
und lässt sich mit Bowle volllaufen,
bis sie schwimmt.

“Ich glaub, mich tritt ein Pferd,”
wiehert das Pferd
und geht noch einmal
Pferde stehlen,
denn es fürchtet einen Pferdefuß.

Nur der Fisch bleibt stumm
und hofft, dass auch am
Happy Veggie Day
die Fische nicht doch
zum Gemüse zählen.

Gedicht mit zwei Buchstaben

für Uta B., die mir zwei Bleilettern geschenkt hat

O!
SO!

OSSO?
OOOOOOO!

SOSS – SO?
O, SO!

SSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSS…
O!

SSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSS…
O-OO!

SSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSS…
SOS!

SSS – SSS – SS – SS – S – S –
OOOOOOOOOOOOOOOO!

SOSO!

2.0 / 84

für George Orwell

Level 1

Ich werde überwacht.
Du wirst überwacht.
Er wird überwacht.
Sie wird überwacht.
Wir werden überwacht.
Ihr werdet überwacht.
Sie überwachen.

Level 2

Ich beobachte dich.
Du beobachtest mich.
Er beobachtet sie.
Sie beobachtet ihn.
Wir beobachten euch.
Ihr beobachtet uns.
Sie lassen beobachten.

Ich belausche dich.
Du belauschst ihn.
Er bespitzelt sie.
Sie bespitzelt uns.
Wir verfolgen euch.
Ihr verfolgt mich.
Sie haben die Kontrolle.

Ich überwache mich.
Du überwachst dich.
Er überwacht sich.
Sie überwacht sich.
Wir überwachen uns.
Ihr überwacht euch.
Sie haben die Macht.

Level 3

Ich lasse mich beobachten.
Du lässt dich beobachten.
Er lässt sich beobachten.
Sie lässt sich beobachten.
Wir lassen uns beobachten.
Ihr lasst euch beobachten.
Sie halten sich verborgen.

Ich habe ja nichts zu verbergen, sage ich.
Du habest ja nichts zu verbergen, sagst du.
Er habe ja nichts zu verbergen, sagt er.
Sie habe ja nichts zu verbergen, sagt sie.
Wir haben ja nichts zu verbergen, sagen wir.
Ihr habet ja nichts zu verbergen, sagt ihr.
Sie verbergen ihre wahren Interessen.

Ich gebe mich ihm preis.
Du gibst dich ihr preis.
Er gibt sich uns preis.
Sie gibt sich euch preis.
Wir geben uns dir preis.
Ihr gebt euch mir preis.
Sie bestimmen den Preis.

Ich gebe mich ihr gerne preis. Das gefällt mir.
Du gibst dich uns freiwillig preis. Das gefällt dir.
Er gibt sich euch bereitwillig preis. Das gefällt ihm.
Sie gibt sich mir mit Vergnügen preis. Das gefällt ihr.
Wir geben uns dir mit Begeisterung preis. Das gefällt uns.
Ihr gebt euch ihm bedenkenlos preis. Das gefällt euch.
Das gefällt ihnen. Sie preisen uns dafür.
Wir zahlen den Preis.

(An diesem Gedicht arbeite ich schon länger. Dass es nun gerade so aktuell wird, hatte ich nicht vorausgesehen).

Leistungsgesellschaft

Wir leisten etwas.
Wir leisten viel.
Wir leisten Außergewöhnliches.
Wir leisten Erstaunliches.

Wir leisten ganze Arbeit.
Wir leisten gute Arbeit.
Wir leisten Überstunden.
Wir leisten wichtige Beiträge.

Wir leisten gute  Dienste.
Wir leisten Beistand und Hilfe.
Wir leisten Abbitte.
Wir leisten Verzicht.

Wir leisten Garantie.
Wir leisten Eide und Unterschriften.
Wir leisten Zahlungen.
Wir leisten uns etwas,
weil wir es uns leisten können.

Wir leisten Gehorsam.
Wir leisten Gefolgschaft.
Wir leisten sogar Widerstand.
Dass wir uns das leisten können!

Wann aber?

Wir üben Kritik.
Wir proben den Aufstand.
Wann aber machen wir Ernst?

Uns erfüllt Empörung.
Wir geraten in Aufruhr.
Wann aber empören wir uns
und werden zu Aufrührern?

Wir legen Einspruch ein.
Wir setzen uns zur Wehr.
Wir lehnen uns auf.
Wann aber stehen wir endlich auf?

Wir erheben Einwände.
Wir erheben Protest.
Wir erheben Widerspruch.
Wann aber erheben wir uns?

Wir leisten Widerstand,
als wenn es Gehorsam wäre.
Wann aber widerstehen wir endlich?

Lose Gedanken

Wie ich sterben möchte

für C. R., die am ersten Part mitgedichtet hat

lautlos
schmerzlos
wunschlos

oder:

kampflos
klaglos
schuldlos

Wie ich nicht sterben möchte

schutzlos
trostlos
lieblos

grundlos

Wie ich gelebt haben möchte

sorglos
furchtlos
zwanglos

Wie ich nicht gelebt haben möchte

farblos
freudlos
frucht- und kernlos

Wie ich gerne wäre (ein utopischer Entwurf)

rettungslos ehrlos
pausenlos ruchlos
bodenlos schamlos
gnadenlos maßlos
atemlos zuchtlos
restlos gottlos

Wie ich aber wohl eher bin

arg- und harmlos
reiz- und randlos
prunk- und glanzlos
ton- und spurlos

Wie ich nicht sein will

weder:

herzlos
hirnlos
hand- und fußlos

noch:

treulos
taktlos
traum- und fantasielos

Wie ich Dich lieben will

nahtlos drahtlos
zahllos haltlos
endlos selbstlos
fraglos planlos
schadlos rastlos
straflos schlaflos
zinslos zeitlos
reimlos raumlos

Wie ich Dich nicht lieben will

achtlos
reglos
leblos
lustlos

Wie ich mich angesichts der Weltlage fühle

hilflos
mutlos
machtlos
rechtlos
wehrlos
wahllos

sprachlos

Wie ich die Welt nicht haben will

baum- und mondlos
duftlos
bild- und schriftlos
wort- und blicklos
glücklos

Wie ich Gedichte nicht mag

kopf- und blutlos
kunst- und brotlos
saft- und kraftlos
sang- und klanglos
stil- und schmucklos
weg- und ziellos
zahn- und witzlos
licht- und geistlos

Wie ich mir Gedichte wünsche

nicht formlos,
   aber formfrei
nicht sinnlos,
   aber sinnfrei
nicht zwecklos,
   aber zweckfrei
nicht nutzlos,
   aber nutzfrei
nicht ratlos,
   aber ratfrei