Herztausch

Ich liebe Dich
mit Deinem Herzen,
denn mein Herz hab ich Dir geschenkt,
so wie
Du mir Dein Herz geschenkt hast und
mich nun liebst
mit meinem Herzen.

Heißt das:
Mein Herz
liebt nun mich,
und
Dein Herz
liebt nun Dich?

Nein,  so einfach ist das nicht.
Mein Herz in Dir
liebt nun Dein Herz in mir
und
Dein Herz in mir
liebt nun mein Herz in Dir.

Schenkt nun
mein Herz in Dir
sein Herz
an Dein Herz in mir
und schenkt nun
Dein Herz in mir
sein Herz
an mein Herz in Dir, dann

liebe ich Dich
mit dem Herzen meines Herzens
in Deinem Herzen in mir
so wie
Du mich liebst
mit dem Herzen Deines Herzens
in meinem Herzen in Dir.

Die lächelnde Nähe

Nicht nahe genug
kann ich Dir sein.

Nicht nahe genug
kannst Du mir sein.

Nicht zu nahe
darf ich Dir kommen,
will ich Dir ganz nahe sein.

Nicht zu nahe
darfst Du mir kommen,
willst Du mir ganz nahe sein.

Zwischen Dir und mir
findet Platz allein
die lächelnde Nähe.

Körperlandschaften

Schön ist
eine Wanderung
von der Fußsohle
über das Rückgrat
bis hinauf zum Schulterblatt.

Die Fingerkuppe verspricht
eine gute Aussicht über
die Bauchdecke bis
hinunter zur Kniescheibe.

Schon lockt
die Armbeuge.
Vor den Lendenwirbeln
finden wir
Schutz in der Achselhöhle.

Bald klettern wir über
Haarwurzeln, sammeln
Ohrmuscheln im Brustkorb.
Im Mundwinkel
machen wir Picknick:
Du knabberst
an meinem Augapfel.

Das Gaumensegel
ist gespannt. Wir
breiten unsere Nasenflügel aus und
fliegen –

Ich liebe Dich

Meine Augen
jubeln, sobald sie
Dich sehen:
Ich liebe Dich.

Meine Ohren
jubeln, sobald sie
Dich hören:
Ich liebe Dich.

Meine Nase
jubelt, sobald sie
Dich riecht:
Ich liebe Dich.

Meine Zunge
jubelt, sobald sie
Dich schmeckt:
Ich liebe Dich.

Meine Hände
jubeln, sobald sie
Dich spüren:
Ich liebe Dich.

Von Sinnen ist
dein Jubel,
gibt mein Kopf mir zu bedenken.

Von Herzen kommt
mein Jubel,
erwidere ich.

Denn es ist
mein Herz, das
jubelt, sobald es
Dich sieht, hört, riecht, schmeckt oder spürt:
Ich liebe Dich.

zum 15. Hochzeitstag

Alt

Krumm
Dein Rücken
von der Last Deiner Liebe
zu mir.

Grau
Dein Haar
aus unermüdlicher Sorge
um mich.

Schwer
Dein Schritt
durch das lange Gehen
mit mir.

Blind
Deine Augen
im steten Schauen
nach mir.

Alt
bist Du geworden,
mein Schatz,
bei mir,
mit mir,
durch mich,
und wohl auch meinetwegen.

Alt
aber wird nie
Deine Liebe zu mir.

 

Du bist da

Du schenkst mir Wärme,
auch dann,
wenn mir nicht kalt ist.

Du gibst mir Halt,
auch dort,
wo ich auf festem Boden stehe.

Du trägst mich,
auch dorthin,
wohin ich alleine gehen könnte.

Du fängst mich auf,
auch dann,
wenn ich nicht falle.

Du berührst mich,
auch dort,
wo niemand mich berühren darf.

Du stellst mich in Frage,
auch dann,
wenn ich die Antwort zu haben glaube.

Du bist da,
nicht nur,
wenn ich Dich brauche.

Sei Nacht zu mir

Variationen über ein Gedicht von SAID

Sei Nacht zu mir!
Am Rande dieser Tage,
mit vielen Worten ohne Gesicht.

SAID, Sei Nacht zu mir. Liebesgedichte. München 1998

Sei Nacht zur mir!
Im Schatten jener Tage,
voll des Lichts.

Sei Tag zu mir!
Im Lichte jener Nächte,
voller Schatten.

Sei Nacht zu mir!
Im Schatten jener Tage,
die mich anschreien
mit ihren Händen.

Sei Tag zu mir!
Im Lichte jener Nächte,
die mich anschreien
mit ihren Augen.

Sei Nacht zu mir!
Im Schatten dieser Nächte
schlafe ich im Lichte
Deiner Augen.

Sei Tag zu mir!
Im Lichte dieser Tage
wache ich im Schatten
Deiner Hände.

Geteiltes Leid

Geliebter,
glaubst Du, ich spürte
in meinem Leid Dein Leid
nicht mehr?

Geliebter,
glaube mir:
Dein Leid ist mein Leid
ebenso wie
mein Leid Dein Leid ist.

Man sagt:
Geteiltes Leid sei
halbes Leid.

Doch
ebenso wenig wie
mein Leid durch Dein Leid
weniger wird, wird
Dein Leid durch mein Leid
weniger.
Leid teilt sich nicht.

Geliebter, deshalb
glaube ich:
Geteiltes Leid ist
doppeltes Leid.

Nur sind wir nicht allein
in unserem doppelten Leid.
Nur haben wir uns
in unserem geteilten Leid.

Schreiben aus Liebe

Ich schreibe über Dich und mich.
Ich schreibe mich an Dich.
Ich schreibe mich zu Dir.
Ich schreibe mich auf Dich.
Ich schreibe mich Dir unter die Haut.

Ich schreibe mich ein in Dich.
Ich schreibe mich aus in Dir.
Ich beschreibe mich mit Dir.
Ich umschreibe mich mit Dir.
Ich erschreibe mich mit Dir.

Ich überschreibe mich Dir.
Ich schreibe mich Dir zu.
Ich verschreibe mich Dir.
Ich verschreibe Dich mir.
Ich schreibe mich ab ohne Dich.

Ich schreibe mich ab von Dir.
Ich überschreibe mich mit Dir.
Ich zerschreibe mich für Dich.
Ich schreibe mich um durch Dich.
Ich unterschreibe Dich mit mir.

Grammatik der Liebe

Du bist das
Dich zu meinem Mich.
Du bist das
Dir zu meinem Mir.
Du bist das
Dein zu meinem Mein.
Du bist das
Du zu meinem Ich.

Du bist das
Dich auf mein Wohin.
Du bist das
Dir auf mein Woher.
Du bist das
Dein auf mein Warum.
Du bist das
Du auf mein Wozu.

Du bist das Dich,
das ich liebe.
Du bist das Dir,
dem ich vertraue.
Du bist das Dein,
dessen ich gedenke.

Du bist das Du,
das mich liebt.
Du bist das Du,
das mir vertraut,
Du bist das Du,
das mein gedenkt.

Du bist mein, ich bin Dein.
Du gehörst mir, ich gehör’ Dir.
Du liebst mich, ich lieb’ Dich.
Du bist ich, ich bin Du.

Für Dich schreibe ich.
Mit Dir lebe ich.
Deinetwegen bin ich.
Du bist mein Schreiben, mein Leben, mein Sein.

Du bist das
Dich, Dir, Dein, Du
in meinem Leben.

zum 14. Hochzeitstag

Liebe in ihren Elementen

FeuerFeuer gefangen
ins kalte Wasser gesprungen
die Luft angehalten
keinen Fuß mehr auf die Erde bekommen

WasserFeuer und Flamme
Wasser und Wein
Luft und Liebe
Himmel und Erde

Luftdurchs Feuer gegangen
mit allen Wassern gewaschen
aus der Luft gegriffen
auf der Erde geblieben

ErdeFeuer=Werk
Wasser=Fall
Luft=Sprung
Erd=Beben

Bilder: Lyrifant, Acryl auf Leinwand, 10 x 10 cm