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für George Orwell

Level 1

Ich werde überwacht.
Du wirst überwacht.
Er wird überwacht.
Sie wird überwacht.
Wir werden überwacht.
Ihr werdet überwacht.
Sie überwachen.

Level 2

Ich beobachte dich.
Du beobachtest mich.
Er beobachtet sie.
Sie beobachtet ihn.
Wir beobachten euch.
Ihr beobachtet uns.
Sie lassen beobachten.

Ich belausche dich.
Du belauschst ihn.
Er bespitzelt sie.
Sie bespitzelt uns.
Wir verfolgen euch.
Ihr verfolgt mich.
Sie haben die Kontrolle.

Ich überwache mich.
Du überwachst dich.
Er überwacht sich.
Sie überwacht sich.
Wir überwachen uns.
Ihr überwacht euch.
Sie haben die Macht.

Level 3

Ich lasse mich beobachten.
Du lässt dich beobachten.
Er lässt sich beobachten.
Sie lässt sich beobachten.
Wir lassen uns beobachten.
Ihr lasst euch beobachten.
Sie halten sich verborgen.

Ich habe ja nichts zu verbergen, sage ich.
Du habest ja nichts zu verbergen, sagst du.
Er habe ja nichts zu verbergen, sagt er.
Sie habe ja nichts zu verbergen, sagt sie.
Wir haben ja nichts zu verbergen, sagen wir.
Ihr habet ja nichts zu verbergen, sagt ihr.
Sie verbergen ihre wahren Interessen.

Ich gebe mich ihm preis.
Du gibst dich ihr preis.
Er gibt sich uns preis.
Sie gibt sich euch preis.
Wir geben uns dir preis.
Ihr gebt euch mir preis.
Sie bestimmen den Preis.

Ich gebe mich ihr gerne preis. Das gefällt mir.
Du gibst dich uns freiwillig preis. Das gefällt dir.
Er gibt sich euch bereitwillig preis. Das gefällt ihm.
Sie gibt sich mir mit Vergnügen preis. Das gefällt ihr.
Wir geben uns dir mit Begeisterung preis. Das gefällt uns.
Ihr gebt euch ihm bedenkenlos preis. Das gefällt euch.
Das gefällt ihnen. Sie preisen uns dafür.
Wir zahlen den Preis.

(An diesem Gedicht arbeite ich schon länger. Dass es nun gerade so aktuell wird, hatte ich nicht vorausgesehen).

Leistungsgesellschaft

Wir leisten etwas.
Wir leisten viel.
Wir leisten Außergewöhnliches.
Wir leisten Erstaunliches.

Wir leisten ganze Arbeit.
Wir leisten gute Arbeit.
Wir leisten Überstunden.
Wir leisten wichtige Beiträge.

Wir leisten gute  Dienste.
Wir leisten Beistand und Hilfe.
Wir leisten Abbitte.
Wir leisten Verzicht.

Wir leisten Garantie.
Wir leisten Eide und Unterschriften.
Wir leisten Zahlungen.
Wir leisten uns etwas,
weil wir es uns leisten können.

Wir leisten Gehorsam.
Wir leisten Gefolgschaft.
Wir leisten sogar Widerstand.
Dass wir uns das leisten können!

Wann aber?

Wir üben Kritik.
Wir proben den Aufstand.
Wann aber machen wir Ernst?

Uns erfüllt Empörung.
Wir geraten in Aufruhr.
Wann aber empören wir uns
und werden zu Aufrührern?

Wir legen Einspruch ein.
Wir setzen uns zur Wehr.
Wir lehnen uns auf.
Wann aber stehen wir endlich auf?

Wir erheben Einwände.
Wir erheben Protest.
Wir erheben Widerspruch.
Wann aber erheben wir uns?

Wir leisten Widerstand,
als wenn es Gehorsam wäre.
Wann aber widerstehen wir endlich?

Lose Gedanken

Wie ich sterben möchte

für C. R., die am ersten Part mitgedichtet hat

lautlos
schmerzlos
wunschlos

oder:

kampflos
klaglos
schuldlos

Wie ich nicht sterben möchte

schutzlos
trostlos
lieblos

grundlos

Wie ich gelebt haben möchte

sorglos
furchtlos
zwanglos

Wie ich nicht gelebt haben möchte

farblos
freudlos
frucht- und kernlos

Wie ich gerne wäre (ein utopischer Entwurf)

rettungslos ehrlos
pausenlos ruchlos
bodenlos schamlos
gnadenlos maßlos
atemlos zuchtlos
restlos gottlos

Wie ich aber wohl eher bin

arg- und harmlos
reiz- und randlos
prunk- und glanzlos
ton- und spurlos

Wie ich nicht sein will

weder:

herzlos
hirnlos
hand- und fußlos

noch:

treulos
taktlos
traum- und fantasielos

Wie ich Dich lieben will

nahtlos drahtlos
zahllos haltlos
endlos selbstlos
fraglos planlos
schadlos rastlos
straflos schlaflos
zinslos zeitlos
reimlos raumlos

Wie ich Dich nicht lieben will

achtlos
reglos
leblos
lustlos

Wie ich mich angesichts der Weltlage fühle

hilflos
mutlos
machtlos
rechtlos
wehrlos
wahllos

sprachlos

Wie ich die Welt nicht haben will

baum- und mondlos
duftlos
bild- und schriftlos
wort- und blicklos
glücklos

Wie ich Gedichte nicht mag

kopf- und blutlos
kunst- und brotlos
saft- und kraftlos
sang- und klanglos
stil- und schmucklos
weg- und ziellos
zahn- und witzlos
licht- und geistlos

Wie ich mir Gedichte wünsche

nicht formlos,
   aber formfrei
nicht sinnlos,
   aber sinnfrei
nicht zwecklos,
   aber zweckfrei
nicht nutzlos,
   aber nutzfrei
nicht ratlos,
   aber ratfrei

lieber noch

schon ganz viel
aber immer noch mehr

schon sehr gut
aber immer noch besser

schon ganz oben
aber immer noch höher

schon sehr weit
aber immer noch weiter

aber noch lieber:
nur ganz wenig
auch mal ganz unten
nicht immer perfekt
und vor allem
ganz eng und nah
bei mir

Chancen

Aus einem Lamm
wird nie ein Wolf.
Nur ein Schaf.

Allenfalls
ein Schaf im Wolfspelz.

Doch wer weiß?
Wenn die Not unerträglich
und die Wut groß genug wird,

warum soll dann nicht
aus einem Lamm
ein Wolf,
ja ein Bär, ein Löwe
werden können?

Alte Liebe

Einen Floh
hat mir die Liebe,
die alte Schelmin,
vor langer Zeit
ins Ohr gesetzt.
Ich kann ihn noch immer husten hören.

Deshalb habe ich
noch immer
einen Frosch im Hals,
bevor ich Dir sage,
dass ich Dich liebe,
Schmetterlinge im Bauch,
wenn ich Dich die Treppe
herauf kommen höre,
Hummeln im Hintern,
sobald ich zu lange
auf Dich warten muss –
wie am ersten Tag.

Sei kein Frosch!
sagt die Liebe.
Das sind kleine Kröten,
schluck sie!
Die Liebe bleibt eben
hochgradig
insektuös und amphib –
auch wenn die Bienen
nicht mehr so flott sind
wie am ersten Tag.

Geborgenheit

Ein Kännchen Tee,
das auf dem Stövchen summt.

Ein Teddybär,
der beim Wenden zärtlich brummt.

Ein warmes Plaid,
in das ich flauschig eingemummt.

Mein Lieblingslied,
in dem der Alltagslärm verstummt.

Dein Arm um mich,
und mein müdes Herz
summt und brummt,
in Liebe eingemummt,
und alles Leid verstummt.