Anti-Schlaflied

(auf die Melodie „Schlaf, Kindlein, schlaf“)

Wach, Kindlein, wach!
Der Vater sucht nur Krach.
Die Mutter tritt noch hinterher,
da hilft dann nur noch Gegenwehr.
Wach, Kindlein, wach!

Geh, Kindlein, geh!
Die Trennung tut zwar weh.
Doch Vater, Mutter tun nicht gut,
so nimm dann endlich deinen Hut.
Geh, Kindlein, geh!

Steh, Kindlein, steh!
Ins eigne Leben geh!
Sei selbst nun Vater, Mutter dir,
vertrau auf dich, gehörst nur dir.
Steh, Kindlein, steh!

Zum Lachen

Lachen ist die beste Medizin,
sagt man.
Dass ich nicht lache!

Ich habe nichts zu lachen.
Mir ist nicht zum Lachen zumute.

Sie haben gut lachen!

Mir ist das Lachen vergangen
oder auch nur im Halse stecken geblieben,
so dass ich nicht mehr
aus vollem Halse lachen kann.

Sie werden lachen,
aber ich habe das Lachen verlernt.

Es wäre doch gelacht,
wenn ich darüber nicht lachen könnte.

Es darf gelacht werden!

Ich in mir

Es ist so
LAUT
in mir.
Ich kann
mich
nicht hören.

Liebes Ich,
bring mich zur Ruhe,
damit es wieder
STILL
werde in mir
für Deinen Ruf.

Es ist so
DUNKEL
in mir.
Ich kann
mich
nicht sehen.

Liebes Ich,
leuchte mir den Weg,
damit es wieder
HELL
werde in mir
für Deinen Anblick.

Es ist so
VOLL
in mir.
Ich kann
mich
nicht fühlen.

Liebes Ich,
räum mit mir den Schutt beiseite
damit es wieder
LEER
werde in mir
für Deine Nähe.

Nur Mut!

Nur Mut!
Lass zurück die Schwermut!
Übe dich in Gleichmut und in Langmut,
aber mach auch deinem Unmut Luft!
Vergiss dabei niemals die Anmut!

Sei hochmütig, wenn man dich erniedrigt,
sei demütig, wenn man dich erhebt.
Sei übermütig, wenn es um das Leben geht.

Habe Mut,
dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!

Nur Wankelmut sei deine Sache nicht,
doch sei einmütig mit dir.

Nur Mut!
Mut ist zumutbar,
in fast jeder Form,
mutmaße ich.

Veränderung

Nichts wird mehr so,
wie es war.

Du kannst weinen und klagen.
Du kannst schreien und um dich schlagen.
Du kannst mit dem Fuß aufstampfen und Nein sagen.
Du kannst träumen und dir die Zeit zurückwünschen.
Du kannst auch stehen bleiben und den Kopf in den Sand stecken.

Aber das wird nichts daran ändern:
Nichts wird mehr so,
wie es war.

Du solltest es einfach akzeptieren.
Einfach?
Nein, einfach ist es nicht,
aber es dürfte einfach das Vernünftigste sein.

Lob auf den Freitod

Sich das Leben nehmen,
um es sich zurück zu geben,
um es ganz fest zu halten,
es mit Händen und Füßen zu ergreifen,
damit es wieder Hand und Fuß bekommt.

Sich umbringen,
sich um das Leben bringen,
sich um das Leben herum bringen
zum Wesentlichen,
sich mit Aug und Ohr um das Leben bringen,
um es neu zu sehen und zu hören.

Hand an sich legen,
um sich selbst in die Hand zu nehmen,
endlich an die Hand zu nehmen,
sich in die eigenen Hände zu legen.

Sich selbst töten,
damit das Selbst leben kann.

Erlkönig

Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? –
Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht?

                                                                                                          J. W. Goethe

„Mein Kind, was wendest du ab von uns dein Gesicht?“ –
„Siehst, Vater, du meine offenen Arme nicht?“

„Mein Kind, was versäumst du deine von uns geforderte Pflicht?“ –
„Siehst, Vater, du meine euch zugeneigten Ohren nicht?“

„Mein Kind, was glaubst du, wie man mit seinen Eltern spricht?“ –
„Siehst, Vater, du meinen zärtlich lächelnden Mund nicht?“

„Mein Kind, was sitzt du so frech über uns zu Gericht?“ –
„Siehst, Vater, du den Ring, der mein Herz umschließt, nicht?“

„Mein Kind, was reckst du so keck deinen Hals ins Licht?“ –
Siehst, Vater, du mein gebrochenes Rückgrat nicht?

„Mein Kind, was suchst du den Mann, der das Herz dir nur bricht?“ –
„Siehst, Vater, du meine vor Liebesglück strahlenden Augen nicht?“

Dem Kinde graust’s, es reitet geschwind,
durch seine Seele bläst eisiger Wind.
Es findet das Tor mit Mühe und Not,
in seinem Herzen das Kind war tot.

Der Erlkönig sieht’s,  dreht um und spricht:
„Meiner bedarf es hier nicht.“

Immer falsch

zu früh
zu spät

zu jung
zu alt

zu gut
zu schlecht

zu groß
zu klein

zu viel
zu wenig

zu schwer
zu leicht

zu stark
zu schwach

zu hoch
zu tief

zu lang
zu kurz

einfach immer falsch!

Spätes Wiegenlied

Du bringst uns noch ins Grab,
sagt der Vater.

Vatermörderin,
flüstert die Nachbarin.

Du bringst uns noch ins Grab,
sagt die Mutter.

Muttermörderin,
flüstert der Nachbar.

Vater, hast längst ins Grab mich bracht –
Mutter, hast dem Vater gholfen,
singt das Kind.

Mutter, hast längst ins Grab mich bracht –
Vater, hast der Mutter gholfen,
singt das Kind

das dem Kindbett nie entwuchs und
blieb im Sarg aus Gitterstäben.

Stubenvogel

Hinausgewagt
mit Trippelschritten,
kurzer Probeflug
auf den ersten Baum
vor dem Fenster.
Herzklopfender Innehalt
und Blick zurück
in die warme Stube:
Zu aber ist schon die Käfigtür –
Rückkehr unerwünscht!
Weiter also
– zögere nicht!
Folge den Raben
und erprobe
wie weit die Schwingen tragen,
die gestutzten.
Notfalls allein
von Ast zu Ast.
Blick ins Offene,
himmelwärts.