Keine Kompromisse

Warum oder?
Warum nicht und?

Warum anstatt?
Warum nicht sowohl als auch?

Warum später?
Warum nicht jetzt?

Warum bis?
Warum nicht für immer?

Warum wenn?
Warum nicht in jedem Fall?

Warum aber?
Warum nicht trotzdem?

Warum ohne?
Warum nicht mit?

Warum ein wenig?
Warum nicht alles?

Kusswalzer

Gib mir noch rasch einen Kuss,
denn ich muss
zum Bus.

Dein Kuss
schmeckt süß wie der Guss
einer Torte aus Nuss
– mit Schuss.

Dein Kuss
hilft gegen Verdruss,
hält mich in Fluss,
ist reiner Genuss.
Dieses Plus
hat nur Dein Kuss.

Jetzt aber ist Schluss
mit diesem Stuss.

Halbschattenkinderkind

Ich bin nicht nur ein
Halbschattenkind,
ich bin auch ein
Halbschattenkinderkind.

Im Schatten
des stets bevorzugten
erstgeborenen Bruders
der Vater.

Im Schatten
des früh verstorbenen,
weil kriegsversehrten Vaters
die Mutter.

Im Licht
einer ungleich geteilten Liebe
der Vater.

Im Licht
einer lieblosen Liebe
die Mutter.

Halbschattenkinder
also auch Ihr,
geliebte Eltern.

Tretet endlich in die Sonne,
tretet ins volle Licht
meiner verzeihenden Liebe.

Halbschattenkind

Es gab kein
Sonnenkind,
in dessen
Schatten ich stand.

Ich wurde nicht
versteckt,
weil es mich
nicht hätte geben dürfen,
aber auch nicht
ins volle Licht gestellt,
wohl weil ich kein
Wunschkind war.

Ich war kein
Ersatzteillager
für Organe,
nur eine
Ersatzlebenhalde
für unerfüllte Träume.

Ich stand im
Schatten
eines Wunschbildes,
dem ähnlich zu werden
unmöglich war.

Ich stand im
Licht
einer Liebe des Wenn,
einer Liebe des Aber,
einer Liebe des Allerdings.

Ich bin ein
Halbschattenkind.

Stell mich in die Sonne,
Liebster,
ins pralle Licht
Deiner unbedingten Liebe!

Wenn Du weg bist

Deine Pflanzen
lassen die Blätter hängen,
und Dein Papagei
– wenn Du einen hättest –
die Flügel.

Und ich –
tja, was könnte ich hängen lassen?

Nichts, aber
ich häng’ rum.

Weiß nicht mehr, wann ich das geschrieben hab, aber hab’s beim Aufräumen wiedergefunden…

Fremd sein

Durch den Fremden
das Fremde kennen lernen,
das für ihn Alltag ist.

Durch den Fremden
sich nach der Fremde sehnen,
die für ihn Heimat ist.

Durch den Fremden
das Fremdsein erfahren
plötzlich – im eigenen Land.

Durch den Fremden
lernen,
was fremd heißt
und
wie relativ das ist:
fremd sein.

Geschrieben im Oktober 1988, beim Aufräumen wiedergefunden

Du in meinem Land

In meinem Land
bist Du nur geduldet,
aber Geduld
mit Dir
hat keiner.

In meinem Land
nehmen sie wenig Anteil
an Dir und dem Krieg in Deinem Land,
von dem sie doch
ihren fetten Anteil bekommen.

In meinem Land
versuchen sie
Dein Leid noch zu vergrößern,
aber leiden
können sie Dich nicht.

In meinem Land
fordern sie Verständnis
von einem,
den sie selbst
zu verstehen nicht bereit sind.

Eines Tages, wenn Du mein Land verlässt
und mich,
werde ich mich fragen:
Hab ich denn genug verstanden?
Hab ich denn genug getan?

Und Du wirst die Antwort
in Dein Land mitnehmen.

Geschrieben im Oktober 1988, beim Aufräumen wiedergefunden

Schmerz

Wenn die Wunde
Nicht mehr schmerzt
schmerzt die Narbe.

Bertolt Brecht

Und wenn die Narbe
Nicht mehr schmerzt
Schmerzt die Erinnerung.

Und wenn die Erinnerung
Nicht mehr schmerzt
Schmerzt die Erinnerung
An die Erinnerung.

Die Zeit heilt alle Wunden.
Der Schmerz bleibt.

Auf fremdem Sprachkurs

Obgleich
aus derselben Sprachfamilie
sind wir doch
ein ungleiches Wortpaar.

Ich habe mich häuslich auf meiner
Sprachinsel eingerichtet.
Ich springe fröhlich von
Sprachzweig zu Sprachzweig,
pflüge mich beharrlich von
Wortfeld zu Wortfeld,
blase in jedes
Sprachrohr, das sich mir bietet,
hebe frischen Mutes
Wortschatz um Wortschatz,
schaffe mir
Sprachraum um Sprachraum,
zaubere mir
Wortreich um Wortreich
mit meinem Buchstab.

Sprachlos
schaust Du mir zu.
Bleibst einsilbig.
Wortkarg.

Für Dich segle ich
auf fremdem Sprachkurs.

Meine Wortbildung tut Dir
Sprachgewalt an.
Mein Wortwitz verletzt Deine
Sprachgefühle.
Meine Wortbrüche sind
Silbenrätsel für Dich.

Ich habe die Wortwahl.
Du willst Klartext.