Ich bin es uns
schuldig,
denke ich,
offen
zu Dir zu sein,
und lege
meine Finger in
Deine offenen Wunden.
Warum
fühle ich mich
schuldig, wie
ein Verräter?
Gebrochen Deutsch
Sie werfen Dir vor,
dass Du
auch nach so langer Zeit
nur gebrochen Deutsch
sprichst.
Ich denke:
Ach, wenn es doch
nur das Deutsch
wäre, das gebrochen ist.
Älter werden
Älter
werden wir
von Geburt an,
immer,
jeden Augenblick.
Leben ist
ein lebenslanges Altern,
ein lebenslanges Sterben –
warum
sind wir dann,
wenn es ernst wird,
nicht schon längst daran gewöhnt?
Teilen
Ich bin bereit,
mit Dir meinen Schokoladenhasen zu
teilen, aber Du
magst keine Schokolade.
Ich möchte gern
mit Dir meine Lieblingsbücher
teilen, aber Du
machst Dir nicht viel aus Lesen.
Ich will
mit Dir meine Träume
teilen, aber Du
lebst lieber in der Wirklichkeit.
Teilen
ist gar nicht so
einfach, genauso wenig
einfach wie
Lieben.
Wer liebt, teilt,
auch was er nicht
teilen will.
Poetischer Imperativ
(vor dem leeren Blatt Papier)
Fang an.
Fang das Wort.
Fang es auf.
Fang es ein.
Fang was damit an.
Fang immer wieder davon an.
Und wenn es dich ganz gefangen hat,
dann ist es ein guter
Fang.
Lesegemüse aus Redefrüchten
(nur für Kichererbsen)
Sprechbohnen und
Plaudersellerie unter
Wortkrumenkohl.
Deckrüben im
Lauerkraut an
Klopfsalat.
Kachelbeeren aus der
Mauerkirsche.
Schwafelbirnen versprechen
Paradieschen.
Dies ist nur ein Märchen aus
Märlauch,
Dünnbrettich!
Lebenswundenkunde
Bisswunden
hast du,
weil du
immer wieder die Zähne zusammengebissen.
Brandwunden
hast du,
weil du
dir regelmäßig den Mund verbrannt.
Platzwunden
hast du,
nicht weil du
auf den Kopf gefallen, sondern
weil du
dich fallen gelassen.
Schnittwunden
hast du,
weil du
dich ins eigene Fleisch geschnitten.
Schürfwunden
hast du,
weil du
am eigenen Leben vorbeigschrammt.
Amokfarben II
Kunterbunt war ihre Welt.
In allen Farben des Regenbogens schillerten ihre Lebensträume
wie Seifenblasen in der Sonne.
Farbenfroh leuchtete ihre Zukunft
bis zu dem Schuss.
Danach war die Welt schwarz.
Am toten Punkt
Am toten Punkt
steht noch nicht einmal
ein Fragezeichen.
In engen Klammern
ist kein Platz für einen
augenzwinkernden Strichpunkt.
Aber
auf der anderen Seite
des Gedankenstrichs
wartet unverdrossen
das lebendige Komma
und sendet
Rufzeichen.
Nachrufe
für Hans
I Was bleibt
Du wirst immer
in unserer Mitte sein
bei jedem guten Glas Wein,
das wir trinken.
Du wirst immer
in unseren Herzen sein
bei jedem guten Konzert,
das wir hören,
bei jedem schönen Bild,
das wir sehen.
Du wirst immer
neben uns sein
bei jedem guten Gedicht,
das wir lesen.
Du wirst immer
hinter mir stehen
bei jedem Gedicht,
das ich schreibe.
II Was fehlt
Unterbrochen
ist das Gespräch,
das wir eben erst
neu begonnen.
Zerrissen
ist das Band,
das uns gerade
zu Lyrikfreunden
neu verbunden.
Ungeschrieben
bleibt nun das Kapitel,
das unsere fragile Freundschaft
neu aufgeschlagen.
III Was hilft
Nachrufen
möchte ich Dir
Worte im Scherz und
Worte im Ernst,
die ich Dir noch hätte sagen wollen,
Geschichten
aus der Welt des Alltags und der Phantasie,
die wir uns nun nicht mehr erzählen können,
Gedichte,
geschriebene und ungeschriebene,
die Du nun nicht mehr lesen wirst.
Ach, gäbe es nur einen Ort,
wohin ich Dir all die
ungesagten Worte,
unerzählten Geschichten
ungelesenen Gedichte
nachrufen könnte!
Was hilft’s:
Ich werde diesen Ort,
den Port meiner Nachrufe,
meiner Rufe Dir nach
finden müssen
in mir.
Fremd. Anders. Zweiter Klasse
Schwer ist es,
in der Fremde zu sein.
Schwerer noch,
der Fremde zu sein.
Am schwersten aber,
immer ein Fremder zu bleiben.
Schwer ist es,
in einem anderen Land neu anzufangen.
Schwerer noch,
der Andere zu sein.
Am schwersten aber,
immer der Andere zu bleiben.
Schwer ist es,
eine zweite Heimat zu finden.
Schwerer noch,
zweiter Klasse zu sein.
Am schwersten aber,
immer zweiter Klasse zu bleiben.
Exil
Wo Herkunft
zu tauber Erinnerung wird.
Wo Ankunft
ein stummer Wunsch bleibt.
Wo Zukunft
ein blindes Versprechen war.
Dort ist Exil.