Kindheitsmuster

Du musst noch –
Du sollst doch nicht immer –
Du darfst auf keinen Fall –
Du kannst doch nicht –

Sei still –
Bleib schön brav –
Jetzt reiß dich mal zusammen –
Spiel dich doch nicht immer so auf –

Kannst du nicht hören?
Kannst du nicht besser aufpassen?
Hast du schon wieder?

Stell dich nicht so an!
Wenn du nicht -,
kommst du ins Internat!

Solange du deine Füße
unter unseren Tisch –
Wer zahlt, schafft an.

Aber ich will doch nur –
Kann ich nicht?
Darf ich nicht auch einmal?

Nein.

Vater hat Recht.
Mutter hat Recht.
Das Kind gehorcht.

Die eigene Sprache finden

Es ist gar nicht so leicht,
die eigene Sprache zu finden,
in Schall und Rauch
von Jedermanns Senf,
zwischen Werbespott und Newsbrache,
in der Dichter heiligem Wörtersee,
zwischen Slam-Schlamm
und Slang-Klang,
im Matsch von Klatsch und Tratsch,
unter all dem alltäglichen
Wortmünzengeklingel,
zwischen Comedy-Gegacker
und abgeschlagenen Herz-Schmerz-Reimen,
dem Gequake von Zeitungsenten
und all dem intellektuellen Geifer
der Experten und Kritiker,
jenseits der Geschwätzigkeit der Prediger,
im Sumpf von Suff und Puff,
zwischen Mail-Trash
und Politphrase,
akademischen Pfauengeschrei
und intrigantem Schlangengezisch,
im Morast von abgedroschenen
Redewendungen und Sprichwörtern,
in Schutt und Asche
unserer verbrauchten Sprache.

Doch vielleicht
ist es auch gar nicht so schwer:
Warum nennst du nicht einfach
schön, was schön ist,
und gut, was gut ist?
Warum soll nicht
oben oben heißen
und unten unten?
Und warum sagst du nicht einfach
gerecht zu dem, was gerecht ist,
und ungerecht zu dem, was ungerecht ist?

Die eigene Sprache finden,
hieße dann,
den aufrechten Gang im Wort
zu üben.

Bliebe dann nur noch
das Problem,
was schön, was gut ist,
wo oben, wo unten ist,
was gerecht, was ungerecht ist.

Aber das ist
ein Problem
jenseits der Sprache.

Missverständnisse

Ich wollte nur
eine Grenze ziehen.

Da habt Ihr mich
ganz Eures Reiches verwiesen.

Ich wollte nur
meinen eigenen Platz finden.

Da habt Ihr mich
aus meiner Heimstatt verbannt.

Ich wollte nur
mit Euch neue Wege gehen.

Da habt Ihr mir
den Weg zu Euch zurück abgeschnitten.

Aus den Federn

Mit spitzer Feder
Lügen
zum Platzen bringen –
ohne viel Federlesens.

Mit einem Federstrich
Einsicht
zum Schweben bringen –
federleicht.

Auch wenn du Federn lassen musst,
um Feder führend zu sein:
Greif zur Feder!

Denn in ihrem Federbett
schlummernd
taugen deine Worte nicht.
Hilf ihnen

aus den Federn
und lass
den Luftballon der Poesie
in den Himmel steigen.

Das Einmaleins der Modalverben

I         Lied der Zwänge

Ich mag nicht,
aber ich muss.

Ich kann nicht,
aber ich soll.

Ich darf nicht,
aber ich will.

 

II       Lied der Verweigerung

Ich darf,
aber ich muss nicht.

Ich soll,
aber ich mag nicht.

Ich kann,
aber ich will nicht.

 

III      Lied der Freiheit

Ich darf,
was ich will.

Ich muss nur,
was ich mag.

Ich kann,
was ich soll.

Credo

I

Lieber
mit wenigen Worten
viel sagen,
als
mit vielen Worten
wenig sagen.

 

II

Lieber
ohne Worte
als
ein Wort zuviel,
ein falsches Wort,
ein richtiges Wort zur Unzeit.

 

III

Lieber
ein wortkarges
Wortspiel
als
wortmächtiger
Tatenernst.

Mein Weg

Mein Weg
ist
mein Weg.

Manchmal
ein Irrweg,
manchmal
ein Umweg.

Manchmal
eine Sackgasse,
manchmal
eine Einbahnstraße.

Manchmal
eine Rutschbahn,
manchmal
ein Klettersteig.

Manchmal
Kriechspur,
manchmal
Überholspur.

Aber immer
ist mein Weg
mein Weg.

Elektronisches Zuhause

Ja, ich wohn‘ in meiner Mailbox.
Komm herein
zum „Posteingang“
und mach es dir bequem.
Ich hol nur noch ein paar Cookies
aus dem „Junk“.
Mein Fenster zur Welt
ist der „Postausgang“.
Kreative Würfe
landen in „Entwürfe“.
Und nachts schlaf ich tief
im Ordner „Archiv“.

Mitmenschen

Was ist das eigentlich,
was wir MITMENSCHEN nennen?

Sind sie nicht vielmehr
NEBENMENSCHEN?
Weil sie einfach nur neben uns leben,
ohne Anteil an uns zu nehmen.

Sind sie nicht vielmehr
UMMENSCHEN?
Weil sie um uns sind, uns umgeben –
zufällig oder in der Hoffnung auf einen Vorteil.

Sind sie nicht vielmehr
BEIMENSCHEN?
Weil sie zwar bei uns sind,
aber nicht, wenn wir ihren Beistand brauchen.

Sind manche nicht sogar
GEGENMENSCHEN?
Weil sie gegen uns agieren
in der Absicht, uns zu schaden.

Nur wenige sind wirklich
MITMENSCHEN,
die wirklich mit uns leben,
die unsere Ängste und Wünsche
zumindest ernst nehmen,
zuweilen sogar teilen
oder sogar uns dabei helfen,
unsere Ängste zu zerstreuen
und uns unsere Wünsche zu erfüllen.

Orte der Geborgenheit

wo du dich verbergen kannst,
wenn dir die Welt zu laut wird.

wo du dir Freude borgen kannst,
ohne sie zurückgeben zu müssen.

wo du immer eine Herberge findest,
sogar mitten in der Nacht.

wo man für dich bürgt,
ohne mit der Wimper zu zucken.

wo deine Burg steht,
fest und uneinnehmbar.