Nachrufe

für Hans

I        Was bleibt

Du wirst immer
in unserer Mitte sein
bei jedem guten Glas Wein,
das wir trinken.

Du wirst immer
in unseren Herzen sein
bei jedem guten Konzert,
das wir hören,
bei jedem schönen Bild,
das wir sehen.

Du wirst immer
neben uns sein
bei jedem guten Gedicht,
das wir lesen.

Du wirst immer
hinter mir stehen
bei jedem Gedicht,
das ich schreibe.


II       Was fehlt

Unterbrochen
ist das Gespräch,
das wir eben erst
neu begonnen.

Zerrissen
ist das Band,
das uns gerade
zu Lyrikfreunden
neu verbunden.

Ungeschrieben
bleibt nun das Kapitel,
das unsere fragile Freundschaft
neu aufgeschlagen.

 

III     Was hilft

Nachrufen
möchte ich Dir

Worte im Scherz und
Worte im Ernst,
die ich Dir noch hätte sagen wollen,

Geschichten
aus der Welt des Alltags und der Phantasie,
die wir uns nun nicht mehr erzählen können,

Gedichte,
geschriebene und ungeschriebene,
die Du nun nicht mehr lesen wirst.

Ach, gäbe es nur einen Ort,
wohin ich Dir all die
ungesagten Worte,
unerzählten Geschichten
ungelesenen Gedichte
nachrufen könnte!

Was hilft’s:
Ich werde diesen Ort,
den Port meiner Nachrufe,
meiner Rufe Dir nach
finden müssen
in mir.

Fremd. Anders. Zweiter Klasse

Schwer ist es,
in der Fremde zu sein.
Schwerer noch,
der Fremde zu sein.
Am schwersten aber,
immer ein Fremder zu bleiben.

Schwer ist es,
in einem anderen Land neu anzufangen.
Schwerer noch,
der Andere zu sein.
Am schwersten aber,
immer der Andere zu bleiben.

Schwer ist es,
eine zweite Heimat zu finden.
Schwerer noch,
zweiter Klasse zu sein.
Am schwersten aber,
immer zweiter Klasse zu bleiben.

Mit fremden Sinnen

Mit fremden Augen
kannst du in dir
die Bilder sehen,
die die eigene Hand
nicht wagt zu malen.

Mit fremden Ohren
kannst du in dir
die Worte hören,
die der eigene Mund
nicht wagt zu sagen.

Mit fremden Sinnen
kannst du in dir
die Liebe erfahren
die das eigene Herz
nicht wagt zu fühlen.

Empfehlung

Um nicht verrückt zu werden:
Gib dir einen Ruck und
verrück dich selbst,
rück ein Stück und
verrück dich Stück um Stück und
entrück dich so
dem alltäglichen Wahnsinn.

Exil ist Schmerz

Deine Schwester hat Kummer.
Und Sorgen. Dort.
Du bist hier.

Dein Bruder ist im Gefängnis,
Deinetwegen. Dort.
Du bist hier.

Deine Mutter ist krank.
Hat Schmerzen. Dort.
Du bist hier.

Dein Vater liegt im Sterben,
vielleicht. Dort.
Du bist hier.

Exil ist Schmerz.
Der Schmerz ist
dort und hier.

Europas heilige Sprachen

Wir sind
mit unserem Latein
am Ende.

Dann lasst es uns doch
mit unserem Griechisch
versuchen.

Doch wo die Tyrannei der Banken
die Wiege der Demokratie
beherrscht,
kommen wir
mit unserem Griechisch
auch nicht sehr weit.

Dann lasst es uns doch
mit unserem Hebräisch
versuchen.

Doch wo das gelobte Land
den Fluch des Krieges
verbreitet,
reicht unser Hebräisch
noch nicht einmal für
einen neuen Anfang.

Ich und Du

Ein “Dich” für mich,
ein “mich” für Dich,
und für jeden von uns
eine Seite vom
“und”.

Und wenn wir uns trennten?

Ein “mich” für mich,
ein “Dich” für Dich,
aber wohin mit dem
“und”?

Pechvogel und Glückspilz

Wenn
der Pechvogel
den Glückspilz
verschlingt,
dann
ist das Pech
für den Glückspilz,
aber Glück
für den Pechvogel.

Wenn aber
der Pechvogel,
der nun ein Glücksvogel ist,
am Glückspilz,
der nun ein Pechpilz ist,
zu ersticken droht
und deshalb den Pilz wieder ausspeit,
dann
ist das Glück
für den Glückspilz,
aber Pech
für den Pechvogel,
dann ist das eben
echtes Pechvogelpech
und echtes Glückspilzglück.

Wenn dann
der gerettete Glückspilz
dem enttäuschten Pechvogel
vorschlägt,
die Rollen zu tauschen,
dann wird
aus dem Pechvogel
ein Glückspilz
und aus dem Glückspilz
ein Pechvogel.

Und wenn nun
der Pechvogel
(der zuvor ein Glückspilz war)
den Glückspilz
(der zuvor ein Pechvogel war)
verschlingt
dann
ist das Pech
für den Glückspilz (alias Pechvogel),
aber Glück
für den Pechvogel (alias Glückspilz).

Wenn aber dann nun
der Pechvogel
(ehemals Glückspilz
und nunmehr Glücksvogel)
am Glückspilz
(ehemals Pechvogel
und nunmehr Pechpilz)
zu ersticken droht
und deshalb den Pilz
wieder ausspeit,
dann
ist das Glück
für den Pechvogel,
der als Glückspilz
zum Pechpilz wurde,
aber Pech
für den Glückspilz,
der als Pechvogel
zum Glücksvogel wurde,
dann
ist das eben Pechvogelglück
und Glückspilzpech.

Wenn aber
der Pechvogel
mal Pech, mal Glück hat
und der Glückspilz
mal Glück, mal Pech hat,
was sind dann
Pechvogel und Glückspilz mehr
als ein Vogel, der
mal Pech, mal Glück hat,
und ein Pilz, der
mal Glück, mal Pech hat?

Auf ein Wort

Wort zu Wort
lege ich
mich zu Dir.

Wort an Wort
schmiege ich
mich an Dich.

Wort um Wort
gebe ich
mich um Dich.

Wort für Wort
erfinde ich
Dich für mich,
erfinde ich
mich für Dich.

Wort auf Wort
baue ich
Dich auf mich
mich auf Dich,
baue ich
uns.